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Goethe nicht das vergessen, was von Euripides zu Anfang des Prologs erzählt ist und den Deutschen viel mehr als den Griechen erklärt werden mußte. Aber Goethe habe es da ein- geflochten und in solcher Weise, daß, während es bei Euripides gar keinen Eindruck auf die Zuschauer mache, es in dem deutschen Stücke die größte und geradezu göttliche Gewalt habe. Denn indem Goethe völlig die Spuren des Euripides verlasse, läßt er Thoas um die Hand Iphigeniens zum Ehebunde bitten, und zwar zuerst durch Arkas, einen ernsten und ver- ständigen Mann. Als dieser eine abschlägige Antwort erhalten, bittet der König selbst um Iphigeniens Hand. Und nun, um der Ehe, durch die sie ihre Hoffnung auf Heimkehr ver- eitelt sah, zu entgehen, eröffnet sie dem Könige, was sie vorher verheimlicht hatte, ihre Abkunft und gesteht, daß sie aus einem gottgehaßten Hause stamme. So berichtet sie die ruchlosen Taten ihrer Ahnen und gesteht, wer sie ist. Herrlicheres als diese Szene könne nicht gedichtet werden.
Von dem ganzen Stücke sagt Hermann an dieser Stelle, daß Goethe diese beiden Absichten gehabt zu haben scheine: Erstens, daß er die Spannung bis zum Schlusse des Dramas wach erhält und zweitens, daß er Beispiele höchster Tugend an Menschen zeige, die an Geschlecht, Alter, Aufgaben verschieden sind.
Hermann gibt dann weiter den Inhalt des Goethischen Werkes an, indem er dabei immer vergleichende Blicke auf die Taurische Iphigenie des Euripides wirft. So sagt er: Im zweiten Akt erscheinen Orest und Pylades, nicht, wie bei Euripides, um Gelegenheit zu erspähen, die Bildsäule wegzuholen, sondern Orest, an seiner Rettung verzweifelnd, Pylades ihn aufrichtend. Die Szene ist, obwohl sie wenig vorwärts rückt, durch die Erfindung und durch die Gedanken herrlich und zeigt vorzüglich beider Jünglinge Charakter. Doch tadelt Hermann, daß die Gefangenen, deren Hände mit Ketten gebunden sind, ohne Wächter frei umhergehen. ¹)
Gegen diesen Vorwurf Hermanns ist Goethe doch wohl leicht in Schutz zu nehmen. Man muß sich nur vorstellen, daß Orest und Pylades, deren Hände gebunden sind, nicht frei umhergehen, sondern sich im verschlossenen Tempelbezirke befinden, wo sie sich unter strenger Bewachung ihrer Aufseher befanden. Diese brauchten sie doch nicht auf Schritt und Tritt, auf der Bühne sichtbar, begleiten.
Ebenso ist wohl Hermann im Unrechte, wenn er meint, Goethe hätte ohne Grund den Pylades auf Iphigeniens Frage, wer sie seien, sagen lassen, sie seien Kreter, Söhne des Adrast, er sei Cephalos, der jüngste, sein Bruder Laodamas, der älteste. Dieser hätte einen dritten Bruder erschlagen, er werde von den Furien verfolgt und suche auf Apolls Geheiß hier im Tempel der Diana Ruhe. Goethe hätte hier Homer nachgeahmt, doch ohne Grund und deshalb nicht richtig. Denn Pylades hätte die Wahrheit nicht zu verheimlichen brauchen, und wenn er dies für richtig hielt, nicht ganz ähnliches erdichten müssen. Denn es sei ganz gleich, ob Iphigenie hört, daß der Kreter Laodamas von den Furien verfolgt werde, weil er seinen Bruder erschlagen habe, oder daß der Argiver Orest wegen eines Muttermordes in derselben Lage sei.
Goethe hatte zu dieser Anderung guten Grund. Der Brudermord, wie ihn Pylades Iphigenien schildert, ist doch ein immerhin kleineres Verbrechen als der Muttermord, den
¹) Illud tamen non video, quomodo defendi possit, quod homines captivi, manus catenis vincti, sine custodibus adsunt liberamque veniendi abeundique potestatem habent.


