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Wie Hermann diese Worte Goethes sofort auswendig wußte, so war er überhaupt mit Goethes Werken so vertraut, wie mit denen Homers oder der alten Tragiker.—
Ein Jahr nach Goethes Tod hat H. eine lateinische Ausgabe der Iphigenia Taurica des Euripides erscheinen lassen. In der Vorrede zieht er einen sehr ausführlichen Vergleich zwischen dieser Dichtung und Goethes Iphigenie auf Tauris. Es gewährt einen ganz beson- deren Reiz auf diese Vergleichung Hermanns näher einzugehen.
In der Vorrede ¹) sagt er, wenn wir es wagen dürfen, seine herrlichen lateinischen Worte deutsch wiederzugeben: Diese Tragödie verdient es besonders, soweit dies möglich ist, in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt zu werden. Denn sie gehört zu den vorzüglichsten, die Euripides gedichtet hat, und wir Deutschen werden besonders dazu ver- anlaßt, sie genau kennen zu lernen, denn bei uns hat der größte Dichter, Goethe, denselben Stoff auf die Bühne gebracht und den athenischen Dichter so nachgeahmt, daß wir einen geborenen Griechen, doch einen solchen zu vernehmen glauben, der durch die Kultur unserer Zeit gebildet, nicht nur einen reineren und erhabeneren Begriff von Tugend hat, sondern auch unser Gefallen mehr durch die Macht und den Reichtum der Gedanken, als durch den Schmuck der Rede und die Mannigfaltigkeit der Rhythmen erreicht.
Beide Dichter sind in ihrer Art bewunderungswürdig, beide haben sorgfältig ihren Stoff durchdacht und danach die Handlung erfunden und aufgebaut; doch ist der eine der Sage gefolgt, die zu ändern ihm die Religion verbot, der andere durch keine Fessel gebunden, hat frei erdichtet, was er für passend hielt. Denn das muß man vor allem festhalten, wenn man beide Stücke miteinander vergleicht, daß Euripides gezwungen war, dafür zu sorgen, daß nicht nur Iphigenie aus Tauris fortkam, sondern daß auch das Bild der Diana mit- genommen wurde. So nämlich berichtet die Sage, und die Attiker verehrten jenes Bild zu Halae, wohin es von Orest nach allgemeinem Glauben gebracht worden war. Goethen war es erlaubt, allein die Rückkehr der Iphigenie festzuhalten, und da er einsah, daß, wenn jenes Bild bei den Tauriern blieb, hierdurch selbst der Knoten gelöst werden konnte, so durfte er sich hierzu der Zweideutigkeit des Orakels bedienen, indem Apollo Befehl gab, die Schwester zurückzubringen.
Während Hermann so im allgemeinen dem Goethischen Stücke großes Lob spendet, hat er im einzelnen manches an ihm zu tadeln, was diejenigen vor allem beachten sollten, die immer die Goethische Iphigenie auf Kosten der Euripideischen in den Himmel erheben.
Im folgenden gibt Hermann den Inhalt beider Stücke an und hebt ihre Vorzüge und Mängel in gleicher Weise hervor. Ein Vergleich der Anfänge beider Stücke fällt für Goethe günstig aus. Während nämlich Hermann den Anfang des griechischen Dramas tadelt und sagt, es hätte den Fehler aller Prologe des Euripides, daß bekannte Dinge erzählt werden und sich nichts finde, was den Hörer interessieren könne, behauptet er, der deutsche Dichter hätte durch seinen Anfang den griechischen bei weitem übertroffen. Goethe lasse Iphigenien klagen, daß sie von ihrer Heimat und ihren Lieben fern sei und lasse sie zu der Göttin beten, sie den Ihrigen wiederzugeben. Hier sei keine kalte Erzählung, nichts sei klug und gelehrt ersonnen. Alles ergreife gleich den Zuschauer, zeige das Ziel der Handlung und charakterisiere die Jungfrau in ihrer frommen Verehrung der Götter. Und doch hätte auch
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