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„Doch Hera, Groll im Busen, daß nicht sie gesiegt, Vereitelt Alexandros' Ehebund mit mir,
Nicht mich gewährend, sondern schuf aus Atherlicht Ein lebend Trugbild, das mir ähnlich war.
Nun wähnt in eitlem Wahne mich der Königssohn Zu besitzen, die er nicht besitzt.“¹)
In der Mitte dieses Stücks sehen sich dann Menelaos und Helena wieder. Sie sagt ihm, daß sie nicht selbst in Troja gewesen sei, sondern ihr Schattenbild. Ein Bote meldet ihm, daß seine Gattin in Xthershöhen entrückt sei.
Die Sage von dem Scheinbild der Helena stammt nicht von Euripides. Er fand diese schon vor. Herodot berichtet ähnliches,²) und Stesichorus in seiner berühmten Palinodie erwähnt auch, daß Paris nur ein Trugbild der Helena nach Troja gebracht habe. Wie v. Wilamowitz überzeugend nachweist,) ist die Sage, daß in Troja gar nicht die wirkliche Helena gewesen ist, sondern eine von den Göttern gebildete Truggestalt, während die wirk- liche Helena, des Menelaos treue Gattin, in Egypten zurückgehalten wurde, in Sparta ent- standen. Den Spartanern war die Vorstellung, daß Helena, die sie als Göttin verehrten, und Helena, die Ehebrecherin, ein und dieselbe Person sein soll, unerträglich. Auch Nestle meint, Stesichorus hätte bei seiner Auffassung ein lakonisches Volksmärchen benutazt.⁴)
Goethe fand in der Faustsage Helena auch als Gespenst vor und ist, wie aus dem Vorhergehenden klar hervorgeht, nach dem Vorgange des Euripides auf den Gedanken gekommen, sie in zweierlei Gestalt, als Gespenst und als wirkliche Person, auf die Bühne zu bringen. Zuerst sehen wir sie bei ihm als Gespenst(v. 6515). Faust sagt zu Mephistopheles (v. 6183 f.):„Der Kaiser will, es muß sogleich geschehen, will Helena und Paris vor sich sehen.“ Um sie heraufzubeschwören, sagt Mephistopheles zu Faust, er müsse zu'den„Müttern“ gehn(v. 6216). Er tut es mit einigem Widerstreben. Zuerst erscheint Paris(v. 6452), der vor Ermüdung einschläft(v. 6471), dann tritt Helena hervor(v. 6479). Faust ist von ihrer Schönheit so begeistert, daß er die Erscheinung im Spiegel in der Hexenküche für nichts im Vergleich zu ihr erklärt(v. 6495 ff.). Sie nähert sich dem schlafenden Paris(v. 6506) und küßt ihn(v. 6512). Als Faust sie dem Paris entreißen will, geschieht eine Explosion, und alles verschwindet.— Noch in der klassischen Walpurgisnacht hat Faust keinen anderen Gedanken als an Helena. Zweimal fragt er voller Leidenschaft: Wo ist sie?(v. 7056 u. 7070). Eine Umänderung des Mythus nimmt Goethe insofern vor, als Helena bei ihm nicht von Aphrodite verleitet wird, dem Paris zu folgen, sondern ihn selbst verführt, indem sie den schlummernden Paris küßt. 5)
Im dritten Akt sehen wir dann Helena selbst. Im Gespräche mit Phorkyas erklärt sie ihre Doppelgestalt. Phorkyas sagt(v. 8873 f.):„Doch sagt man, du erschienst ein doppel- haft Gebild, In Ilios gesehen und in Agypten auch.“ Helena antwortet:„Ich als Idol ihm dem Idol(dem Achill) verband ich mich“(v. 8879).
Auch die Euphorionhandlung ist, wie Morsch nachgewiesen hat,) auf den Einfluß zurückzuführen, den Goethe durch Hermann erfahren hat(v. 9695 ff.). Die ganze Szene
¹) v. 31— 36, übersetzt von Donner.— ²) II c. 112— 119.— ²³) Troerinnen, Einl. S. 278.— ⁴) Euripides, d. Dichter d. griech. Aufklärung, Stuttgart 1901, S. 433.— ³) s. Herm. Grimm, Homer I S. 104f.— ⁴) a. a. O. S. 53.


