Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25*

Die Beschäftigung mit der griechischen Mythologie und den griechischen Tragikern, zu der Goethe nach seinem eigenen Geständnisse¹) durch Hermanns wissenschaftliche Arbeiten angeregt worden ist, hat auch nach Form und Inhalt sein letztes antikisierendes Drama, die Helenadichtung im zweiten Teil des Faust beeinflußt, die wohl allgemein für den Höhepunkt dieses viel umstrittenen Kunstwerkes gehalten wird. Goethe hat bekanntlich den mittelalter- lichen Zauberer Faust, wie er ihn in der Sage fand, in seiner Dichtung zu dem modernen Vertreter moderner Geisteskultur gemacht. Da er nun in seinem Faust die Universalität des deutschen Geistesstrebens schildern und in der Helenatragödie speziell seiner Begeisterung für das klassische Altertum Ausdruck geben und die Vermählung des deutschen Geistes mit der Antike darstellen wollte, war es nach seiner ganzen Geistesrichtung natürlich, daß er sich an griechische Muster anlehnte und besonders an Euripides, zu dem er durch Hermanns Arbeiten wiederholt geführt wurde und den er bis an sein Lebensende immer und immer wieder studierte.

Hinsichtlich der Form ist schon oben erwähnt worden, wie sorgfältig er bei der Dichtung der Helenatragödie Hermanns Metrik zu Rate zog. An sehr vielen Stellen seiner Tagebücher wird dies ausdrücklich erwähnt.²) Aber auch inhaltlich ist ein Anlehnen an griechische Muster, wie sie ihm durch Hermann nahegebracht sind, nachzuweisen. Schon die Voraussetzungen, auf denen die Handlung aufgebaut ist, stammen, wie wohl Morsch zum erstenmal richtig hervorgehoben hat,) großenteils aus Euripides. Bei beiden Dichtern findet sich eine Opferung der Helena wie auch ein Trugbild der Helena. In den Troerinnen des Euripides⁴) sagt Menelaos, Helena solle in Griechenland der Rache derer geopfert werden, denen sie Verderben gebracht habe. Ebenso führt Goethe sie im dritten Akte ein und läßt sie voller Bangen sagen:Komm' ich als Gattin? Komm' ich eine Königin? Komm' ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz und für der Griechen lang erduldetes Mißgeschick?) Phorkyas) sagt ihr später, daß sie selbst zum Opfer bestimmt sei und durch das Beil fallen werde.?) Auf Schritt und Tritt sind Anklänge an Euripides bemerkbar. Wilamowitz äußert sich ganz ähnlich: ³)Die Goethische Helena hätte nicht nur ihren Chor aus den Troerinnen des Euripides genommen und ihre Chorlieder im Euripideischen Stile zu halten gesucht, sondern sogar ihre Erfindung unmittelbar aus diesem Akte hergeleitet. Der Menelaos des Euripides erklärt am Ende des Aktes, er nähme Helena nach Hause, um sie dort hinzurichten: mit dieser Situation beginnt Goethe.

Auch das Trugbild der Helena nahm Goethe aus Euripides. Schon in der Hypothesis zur Helena des Euripides las Goethe, daß nicht die wirkliche Helena nach Troja entführt sei, sondern ihr Bild. Hermes hätte sie auf Geheiß der Hera gestohlen und sie dem Proteus, dem Könige von Egypten, zur Aufbewahrung gegeben. Von hier rettet sie Menelaos auf seiner Heimfahrt von Troja, und beide gelangen glücklich nach Griechenland. Im Prologos hören wir, daß Paris nach Sparta geeilt sei, die Helena zu holen, dann läßt Euripides sie sagen:

¹) s. d. Brief an C. L. F. Schultz v. 28. Nov. 1821. ²) In den Tagen v. 12.14. u. 23. 28. Sept.

1800 wird mehrmals Helena u. Hermann De metris genannt. ³) Goethe u. d. griech. Bühnendichter, Progr.

Berlin 1888, S. 52 fl. ¹) v. 860 882.) W. B. 15, I, v. 8527 8529.) Die Phorkyas entnahm G., wie

Maas(G. u. d. Antike, S. 263) nachweist, aus Plutarch.*) v. 8925. ³) Einl. z. Eurip. Troerinnen. S. 276. 4