Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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Prolog beziehen, zumal Prolog Vorrede heißt. Beide befassen sich mit dem Inhalte des Stückes und Goethe könnte in einem Dankbriefe sie wohl einewürdige, den poetischen Sinn vollkommen durchdringende Vorrede genannt haben, zumal wenn man annimmt, daß er selbst nicht das Buch in der Hand gehabt hat, sondern daß Riemer ihm daraus die ersten Seiten übersetzt hat. Sonst kann man von Goethe wohl nicht annehmen, daß er die griechische Hypothesis und den griechischen Prologos mit einer lateinisch geschriebenen Vorrede verwechselt hat. Aber müssen es denn gerade die Bacchen sein, auf die sich die fraglichen Worte beziehen? Nach dem Tagebuche¹) hatte Goethe zugleich mit diesem Stücke am 15. Oktober 1823 von Hermann nochSophoclis Tragoediae. Vol. II, Lipsiae 1823 undDe Aeschyli Niobe, Programma ²) erhalten. Auf die Vorreden der in dem Sophoklesbande ent- haltenen Tragödien, der Antigone und des Oedipus Rex, können sich Goethes Worte sicher nicht beziehen, denn die Vorreden zu beiden Stücken enthalten nur grammatische Dinge. So bleibt denn nur noch Hermanns Dissertation über die Niobe des Aeschylus übrig, auf die Goethes Worte passen. Je genauer man diese Arbeit Hermanns betrachtet, desto wahr- scheinlicher wird diese Vermutung. Zuerst spricht Hermann von dem Zauber, den die Reste des Altertums immer wieder von neuem auf uns ausüben. Von allen Schriftstellern des Altertums schätzte er aber Aeschylos, dessen Niobe besonders hervorragend gewesen zu sein scheint, am höchsten. Von ihr sagt erquae compositio fuerit illius fabulae, coniiciat fortasse, ut in Euripidis Phaethonte, divinum ingenium Goethii, cui contigit, quod sibi exoptabat Horatius, integra cum mente nec turpem senectam degere nec cithara carentem.*³) Also das göttliche Genie Goethes könne allenfalls aus den wenigen Bruchstücken vermuten, welches der Inhalt des Stückes gewesen ist. Er als Kritiker müsse sich in engeren Grenzen halten. Nobis, qui critici fungimur officio intra fines consistendum est multo augustiores. Er geht dann auf das Stück selbst ein und hebt hervor, daß Aristoteles den Aeschylos gelobt habe, weil er nicht wie Sophokles die ganze Geschichte der Niobe, sondern nur ihre letzten Jahre dichterisch gestaltet habe. Von ganz besonderer Wirkung wäre in dem Stücke gewesen, daß Niobe durch ein ganzes Drittel desselben schweigend auf dem Grabhügel ihrer Kinder sitzend vom Dichter dargestellt worden sei. Diese Ausführungen Hermanns können es gewesen sein, von denen Goethe an Hermann schrieb, er habe schon dieso würdige, den poetischen Sinn vollkommen durchdringende Vorrede angefangen. Vorrede konnte er Hermanns Dissertatio nennen, zumal er im Tagebuch) sie Programma genannt hat.

Einer Schwierigkeit ist noch zu begegnen. Im Tagebuch) stehen allerdings die Worte:Vorrede zu Hermanns Bacchen. Das kann aber auch heißen, daß entweder Goethe an diesem Tage die Vorrede Hermanns zu den Bacchen gelesen, oder daß er an diesem Tage an seiner eigenen Vorrede zu seiner ÜUbersetzung der Szene aus den Bacchen ge- schrieben habe.

Wie ist Goethe nun dazu gekommen, gerade die 56 Verse, von 12361291 in der Hermannschen Ausgabe zu übersetzen? Hermann hatte ihm doch gar nicht, wie dies beim Phaethon der Fall war, bestimmte griechische Verse zugeschickt. Ich erkläre mir dies aus den oben zitierten Worten GoethesKann man die Macht der Gottheit und die Verblendung

¹) Tagebücher, 9. B., S. 330. ²) G. H., opusc. III, p. 37 58. ¹²) I. c. p. 41.) 9. B., S. 330. ³) d. 16. Okt. 1823.