Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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Jünglingsjahren an darnach getrachtet hätte, sich mit griechischer Art möglichst zu befreunden, und zuverlässige Männer hätten ihm gesagt, daß es auch wohl gelungen sei. Er hätte schon in seiner Jugend inGötter, Helden und Wieland die moderne Darstellung des Euripideischen Herkules in WielandsAlceste verspottet. In diesem Bestreben sei er nun 50 Jahre fort- geschritten und er hätte jenen Leitfaden nie aus der Hand gelassen. Höchst verdrießlich sei es ihm gewesen, zu lesen und zu hören, daß nach drei herrlich ergreifenden Stücken der Alten noch zum Schluß der Vorstellung eine Narrensposse gegeben worden sei. Im folgenden erklärt er, wie er sich mit einem solchen Verfahren ausgesöhnt hätte. Bei den Griechen wäre die Redekunst mehr geübt worden als bei anderen Völkern. Sie hätten gern gesprochen und sich sprechen gehört. Dies hätten die Dramatiker genützt um mit großer Kunst ihre Personen selbst über die niedrigsten Gegenstände sprechen lassen. Er führt dann weiter aus, daß das vierte Stück in der Tetralogie keineswegs ein Possen- und Fratzenstück, auch keine Parodie oder Travestie gewesen sei. Im Cyklopen des Euripides, dem einzigen erhaltenen Satyrdrama, erstaune man über die große Kunst, mit der der Dichter der künstlichen Rede des Odysseus die rohen Worte des ungeschlachten Polyphem entgegensetzt. Hier sei nicht das Hohe, Große, Edle, Gute heruntergezogen und ins Gemeine verschleppt worden, sondern das Rohe, Brutale, Niedrige sei durch die Gewalt der Kunst dergestalt gehoben worden, daß wir dasselbe gleichfalls, als an dem Erhabenen teilnehmend empfinden und betrachten müssen. Die komischen Masken der Alten ständen dem Kunstwerte nach in gleicher Linie mit den tragischen und auch sie zeigten die hohe Sinnesweise, die durch alles, was von den Griechen ausgegangen ist, hervorleuchtet. Goethe hebt dann noch weiter hervor, daß sich Beispiele ähnlicher Art wie bei den dramatischen Dichtern auch bei den bildenden Künstlern der Griechen fänden. Auch hier gebe es weder Parodie noch Travestie, sondern Hohes und Niederes werden im gleich erhabenen Stil gearbeitet. In diesem Sinne schreibt er an Zelter, ¹) daß er ein Todfeind von allem Parodieren und Travestieren sei, und zwar deshalb,weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle, Große herunterzieht, um es zu vernichten.

Wer Goethes Schönheitsideal des griechischen Klassizismus kennt, wird sich über diese seine Ansichten nicht wundern. Mit diesem vertrug sich der Gedanke nicht, daß im Satyrspiel Possen getrieben werden. Die Wissenschaft hat Goethe in dieser Frage auch voll- ständig recht gegeben. Nach Welckers eingehenden Untersuchungen ²) hat das Satyrspiel mit der Parodie durchaus nichts gemein. Auch v. Wilamowitz äußert sich ähnlich.) Er nennt zwar den Proteus und den Cyklops Burlesken und sagt, daßSschrankenlose Ausgelassenheit und zwerchfellerschütternde Späße den Inhalt der Satyrspiele gebildet hätten, daß diese aber mit der Tragödie verschwistert und streng getrennt von der Komõödie gewesen wären. Es sei überhaupt ein großer Unterschied zwischen Satyrspiel und Komödie gewesen, was allein daraus hervorgehe, daß Euripides keine Komödie, Aristophanes kein Satyrspiel gedichtet habe.4) Im Anschluß an das vor kurzem aufgefundene Fragment eines Satyr- dramas von Sophokles Thveptal πo sagt von Wilamowitz:?)Darnach war die Tragödie zuerst(also bei Thespis) Satyrspiel und bestand nur aus Gesang. Die Entdeckung dieses

¹) d. 26. Juni 1824. ²) Nachtrag zur Aschyl. Trilogie, S. 334. ³) Griech. Tragödien, Übers. II B., S. 303. ¹⁴) s. v. Wilamowitz, Einl. z. Kyklopen S. 11 ff. u. Einl. z. Alkestis, S. 97.) In d. Neuen Jahrb. f. d.

klass. Altert. 1912, Heft 7, S. 449 ff. 3