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Im zweiten Briefe ¹) teilt Goethe Hermann mit, daß er die herrlichen Worte am Anfange seiner Abhandlung„De Musis fluvialibus Epicharmi et Eumeli“: ²)„Est quaedam etiam nesciendi ars et scientia“, daß es auch eine Kunst und Wissenschaft des Nichtwissens gebe, in seinem neuesten Hefte der Morphologie angeführt habe.*) Goethe beschreibt dort in einem kurzen geologischen Aufsatze den Horn, einen Basaltberg bei Karlsbad, der aus Steinen bestehe, deren Form und Herkunft niemand kenne. Goethe hatte gewiß längst als Grundzug von Hermanns Charakter, der sein ganzes Leben durchdrang, die unbestechliche Wahrheits- liebe erkannt, die nicht nur in seinem Wahlspruch 1Q 8 5 BO9s 1ne nelas E„, sondern auch in diesem Ausspruch zum Ausdruck kam, in dem er sich als echter Schüler Kants be- währte. Goethe schließt seinen Aufsatz mit den angeführten Worten Hermanns und hatte gewiß innige Freude, zu lesen, daß ein so gründlicher Forscher wie Hermann auch eine Kunst des Nichtwissens lobte und sich klar darüber war, was wir Menschen wissen können und was nicht, und was der einzelne Mensch seiner Natur nach wissen muß und was er nicht zu wissen braucht. Goethe als Naturforscher hatte selbst oft die Grenzen menschlichen Wissens erfahren. Er wußte, daß es z. B. in der Frage, wie der anorganische Stoff zum organischen wird und wie aus diesem Bewußtsein entsteht, ein in aeternum ignorabimus gibt.4)
Zehn Tage später) antwortete Hermann auf diesen Brief. Er dankt für die Zusendung des letzten Heftes von Kunst und Altertum, schreibt, daß er die orphischen Urworte zuerst durch Legationsrat Conta in Karlsbad kennen gelernt habe und bespricht die Abbildungen im „Mayländischen Homer“, die auf antiken Bildwerken beruhen.
Auch der nächste Brief ist von Hermann.³) Er übersendet ein„Fastnachtsprogramm“ über zwei neugefundene Fragmente des Euripides und entschuldigt die Kürze des Briefes. Daß hier die Phaethonfragmente gemeint sind, ist unzweifelhaft. Weshalb aber Hermann sie ein„Fastnachtsprogramm“ nennt, ist nicht zu ermitteln.
Im dritten Briefe, den Goethe an Hermann geschrieben hat,“) spricht er zunächst über seinen Versuch, die ihm von Hermann zugeschickten Phaethonfragmente wiederherzu- stellen. Dann geht er auf Hermanns Schrift über die Tetralogien) ein, schickt ihm seinen Aufsatz über diese Frage und bittet Hermann von neuem, ihm doch ungesäumt seine neuesten Arbeiten zu schicken,„weil es mir immer neue lebendige Veranlassung gibt, dasjenige wieder vortreten zu lassen, was sich bey mir vielleicht in den tiefsten Hintergrund zurückgezogen hat“.— Schon vier Tage darauf erfolgte Hermanns Antwort.²) Er dankt für Goethes Brief über seine Krankheit und Genesung und für Goethes Eingehen auf„Phaethon“, das im Gegen- satz zu der Arbeit der Philologen schöpferisch sei. Er schickt ein Programm mit der Antigone des Sophokles und„ein lateinisches Gedicht“, verspricht auch den Oedipus Tyrannos und beklagt die unfruchtbare philologische Behandlung der Texte. Der Druck der„Bacchen“ des
²) d. 5. Oktober 1820.— ²) God. Herm. opusc. II, p. 288 sp. Nach dem oben angeführten Anfangssatze geht es weiter: Nam si turpe est, nescire, quae possunt sciri, non minus turpe est, scire se putare, quae sciri nequcunt. Alterum enim segnitiem aut inertiam, alterum assentandi levitatem aut temeritatem coniectandi arguit. Posita est autem haec, quam dico, ars in eo, ut quis cognito, quousque progredi sciendo liceat, quod citra est,
strenue persequatur, quod autem ultra est, ab eo sese abstineat.— ²³) Zur Naturwissenschaft, II. Buch, W., II. Abt. 9. B., S. 99 ff.— ½) vergl. Koechly, a. a. O. S. 130.—) d. 15. Okt. 1820(ca. 60 Zeilen).— ⁴) d. 15. Julius 1821(15 Zeilen).—) d. 6. April 1823. Das Original dieses Briefes bef. s. i. d. Univ.-Biblioth. zu Leipzig.—
*) De compositione tetralogiarum tragicarum, Opusc. II, p. 306 ff.— ⁹) d. 10. April 1823(ca. 50 Zeilen).


