Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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Zoëga fing an zu schwanken, Böttcher tastete überall herum, Creuzer und Welcker entziehen uns täglich mehr die Vorteile der griechischen Mannigfaltigkeit, Hermann dagegen ist unser eigenster Vorfechter. Seine lateinische Dissertation über die alte Mythologie macht mich ganz gesund.

Es lag in Goethes Natur, sich bei diesem Zwiespalt nicht zufrieden zu geben, sondern auch aus ihm das Gute hervorgehen zu lassen. Indem er seine Gedanken über das Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit an die in der Orphischen Kosmogonie begründeten Urbegriffe anknüpfte, sind dann aus Goethes Beschäftigung mit der ältesten Mythologie der Griechen, wie er sie durch Hermann kennen gelernt hatte, jene herrlichen Orphischen Urworte ¹) hervor- gegangen, denen er die Überschriften Aal, Toyn, EPos, Aydννκ, Ekals gegeben hat, fünf Begriffe, die wie kaum andere das Menschenleben beherrschen. Ein eigener Zauber von Schönheit und Weisheit ist über diese Verse ausgegossen. Nach den Aufzeichnungen in den Tagebüchern beschäftigte sich Goethe seit dem 2. Okt. 1817 viel mit Creuzers, Hermanns, Zoëgas und Welckers mythologischen Arbeiten. Am 2. Oktober wirdParaphrase zu einer Hermannschen Stelle notiert, am 7. Oktober:Orphische Begriffe, am 8. OktoberFünf Stanzen ins Reine geschrieben. Reinhold Kekule von Stradowitz²) hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Zoëgaschen Abhandlungen,) die Goethe am 6., 7. und 8. Oktober 1817 las, den Anlaß zu den Orphischen Urworten gegeben haben. Hier findet sich in der Abhandlung Tyche und Nemesis S. 39 allerdings der Satz: Nach den Agyptern, sagt er,(Macrobius, Saturnalien I. 19) sind der Götter, die der Geburt des Menschen beystehn, vier: Aaihucv, Töxn, EPoς, Ayνκ. Im folgenden ist dann auch von den Planeten die Rede und selbst von der Hoffnung, wodurch Goethe gewiß veranlaßt worden ist, zu den vier angegebenen Begriffen noch die Exnis zu fügen. Goethe schätzte Zoëga als einen sehr gründlichen Forscher allerdings besonders hoch und nannte eseine verdienstvolle Arbeit, daß Welcker Zoëgas Schriften herausgegeben hat. ¹).

Goethe hat sich auch in seinen Briefen mehrfach über diese orphischen Urworte geäußert. An Boisserée schrieb er,?) er fügeuralte Wundersprüche über Menschenschicksale hinzu, in einem Briefe an Nees von Esenbeck nennt er sie⁶)eine Recapitulation dieser uralten concentrirten Darstellung menschlichen Geschickes, seiner Schwiegertochter empfiehlt er diese fünf Stanzen mit den Worten?)sie eröffnen dem Nachdenken einen unendlichen Raum, und lassen alles, was wir nur erfahren haben, wie in tausendfältigen Spiegeln wieder erblicken. An Boisserée schrieb er:³¹)Daß meine Orphika bey Ihnen gut aufgehoben seyen, wußte ich voraus. Wenn man das diffuse Alterthum wieder quintessenzirt, so gibt es alsobald einen herzerquickenden Becher. Auch in den Tag- und Jahresheften vom Jahre 1817 werden diese fünf Stanzen erwähnt. Solche herrlichen Früchte hat die Beschäftigung mit den Werken des großen Philologen bei Goethe gezeitigt.

Auch zu wissenschaftlichen Arbeiten wurde Goethe durch Hermann in dieser Zeit veranlaßt. So ist sein tiefsinniger AufsatzGeistes-Epochen, nach Hermanns neusten Mit- teilungen*³⁴) aus Hermanns SchriftDe mythologia Graecorum antiquissima hervorgegangen.

¹) W., 3. B., S. 95 f. u. 41. B. I. S. 215 fl. ²) Goethe-Jahrbuch 19. B., S. 186 ff. ³) Georg Zoëgas Ab- handlungen. Herausgegeben v. Fr. G. Welcker, Göttingen 1817.) im Briefe an Meyer d. 28. Okt. 1817. ³) d. 21. Mai 1818. ³⁶) d. 25. Mai 1818) d. 22. Juni 1818.) d. 16. Juli 1818.) W. 41, 1, S. 128 ff.