Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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Ihm sei es einerlei, ob die Hypothese philologisch-kritisch haltbar sei und es sei aus Hermanns Arbeit so viel zu lernen, daß ihm nicht leicht in wenigen Blättern so viel Lehrreiches vor- gekommen sei. Goethe wurde in diesen schwierigen Fragen durch einen gewissen Instinkt getrieben. Er nahm sich wohl nicht die Zeit, war auch wohl nicht imstande, hier die Spreu von dem Weizen zu sondern. Die heutige Wissenschaft hat hier erst Klarheit gebracht. Creuzers Licht, sagt v. Wilamowitz-Möllendorf,¹) ist heute längst erloschen, von Hermanns Mythologie redet man aus Pietät nicht, Welcker ist von Goethe vollständig verkannt worden.

Laut Tagebuch ²) und Briefen ³) beschäftigte sich Goethe in dieser Zeit aufs ein- gehendste mit Creuzers, Hermanns, Welckers, Zoëgas und anderen einschlägigen Schriften und schrieb von Hermanns Mythologie in den Tages- und Jahresheften von 1817:)Hermann über die älteste griechische Mythologie interessierte die Weimarer Sprachfreunde auf einen hohen Grad. Und als er im Jahre 1819 den oben erwähnten siebenten Brief Hermanns Uber das Wesen und die Behandlung der Mythologie erhalten hatte, schrieb er in den Tag- und Jahresheften von 1820:)Hermanns Programm über das Wesen und die Behandlung der Mythologie empfing ich mit der Hochachtung, die ich den Arbeiten dieses vorzüglichen Mannes von jeher gewidmet hatte; denn was kann uns zu höherem Vorteil gereichen, als in die Ansichten solcher Männer einzugehen, die mit Tief- und Scharfsinn ihre Aufmerksamkeit auf ein einziges Ziel hinrichten? Eine Bemerkung konnte mir nicht entgehen: daß die spracherfindenden Urvölker bei Benamung der Naturerscheinungen und deren Verehrung als waltende Gottheiten mehr durch das Furchtbare als durch das Erfreuliche derselben aufgeregt werden, so daß sie eigentlich mehr tumultuarisch zerstörende, als ruhig schaffende Gottheiten gewahr wurden. Mir schienen, da sich denn doch dieses Menschengeschlecht in seinen Grund- zügen niemals verändert, die neuesten geologischen Theoristen von eben dem Schlage, die ohne feuerspeiende Berge, Erdbeben, Kluftrisse, unterirdische Druck- und Quetschwerke(mπα&νμααταα), Stürme und Sündfluten keine Welt zu schaffen wissen. Goethe war bekanntlich ein er- grimmter Feind der Geologen seiner Zeit, der Plutonisten oder Vulkanisten, und gewann Hermann durch diese gegenseitige Ubereinstimmung der Ansichten auch auf diesem Gebiete nur noch lieber. In der klassischen Walpurgisnacht im 2. Teil des Faust zeigt der Streit zwischen den Neptunisten und Vulkanisten(Vers 7495 ff.) auch Goethes Studien der Hermannschen Mythologie und anderer durch diese hervorgerufenen Schriften. Wir werden später darauf noch näher eingehen.

In der Folgezeit sehen wir Goethe sich aufs eifrigste mit Hermanns Mythologie beschäftigen.) Ja, er ruhte nicht eher, als bis er mit diesen Fragen ins reine gekommen war, klagte aber wiederholt über den Streit unter den Gelehrten, durch den das gefundene Gute leider wieder verscharrt und verschüttet wurde. In diesem Sinn schrieb er an Knebel:*) Durch Hermann, Creuzer, Zoëga und Welcker sei er in die griechische Mythologie, ja, bis in die Orphischen Finsternisse geraten. Es sei eine wunderliche Welt, die sich einem da auftue. Leider werde sie selbst durch die Bemühungen so vorzüglicher Männer nicht völlig ins Klare gesetzt werden, denn was der eine aufhelle, verdunkele der andere wieder. In Briefen an S. Boisserées) und Meyer) äußert er sich ganz ähnlich. An ersteren schreibt er(d. 16. Jan. 1818):

¹) Eur. Herak., S. 237 ff. ²) d. 26. u. 27. Sept. 1817. ³) an Knebel, d. 9. Okt. 1817.) W., 36. B., S. 129. ³) W., 36. B., S. 173. ³⁶) s. Tagebuch d. 1. bis 8. Okt. 1817.*) d. 9. Okt. 1817. ³) d. 17. Okt. 1817 u. d. 16. Jan. 1818.) d. 28. Okt. 1817. 2