Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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Diese Schrift Hermanns spaltete die Schar der Gelehrten und Gebildeten gewisser- maßen in zwei Lager, und da die von Hermann oft allzu kühn aufgestellten Etymologien, wie er später selbst zugegeben hat,¹) zum Teil nicht richtig waren, fehlte es nicht an offenen Feinden und heimlichen Widersachern. Voß, Lobeck, Welcker ²) und andere hatten sich über die Schrift aufgehalten und gesagt, sie sei entweder zum Scherz geschrieben oder sei zu tadeln, wenn sie ernst gemeint sei.²) Auch Ottfried Müller hatte Hermanns Verfahren für unbewiesen, unwahrscheinlich und geradezu widersinnig erklärt.¹) Creuzer, der die symbolisch- mystische Richtung vertrat und behauptete, daß in den Mythen aller Völkér eine überein- stimmende, mit Berechnung erfundene allegorische Bildersprache für bestimmte religiöse Ideen enthalten sei,¹) stand an der Spitze der Gegner Hermanns. Es entspann sich nun zwischen beiden Gelehrten ein Briefwechsel, der von beiden Seiten ruhig und sachlich geführt wurde, aber doch oft recht abweichende Urteile über die vorliegende Frage enthielt. Die Briefe, es waren im ganzen sechs, drei von Hermann und drei von Creuzer, wurden gedruckt und erregten berechtigtes Aufsehen.¹) Zu diesen sechs Briefen gehörte auch Hermanns Abhandlung Uber das Vorhomerische Zeitalter. Ein Anhang zu den Briefen über Homer und Hesiod von G. Hermann und PFr. Creuzer. Gleich darauf ließ Hermann noch einen siebenten Brief erscheinenUber das Wesen und die Behandlung der Mythologie. Ein Brief an Herrn Hofrat Creuzer von G. Hermann, Leipzig 1819. Der Inhalt aller dieser Schriften ist im wesentlichen der, daß Creuzer die griechischen Mythen symbolisch-allegorisch-mystisch er- klären will, während nach Hermanns Ansicht Homer und Hesiod von Symbolik, Allegorie und Mystik nichts wußten. Gleich im ersten Briefe?) schreibt Hermann aufs deutlichste an Creuzer:Der Dichter redet nicht symbolisch, sondern das Symbolische liegt nur in der Sache. Homer und Hesiodus wußten von Symbolik und Mystik durchaus gar nichts, sondern alles, was sie erzählen, erzählen sie als Tatsache ganz einfach in vollem Glauben, ohne nach Grund und Ursache, oder einer anderen Deutung zu fragen. Sie folgten älteren Dichtern, die ihre Worte nicht immer im buchstäblichen, sondern oft im übertragenen Sinne gebrauchten. Die älteste Mythologie trägt nach Hermanns Ansicht ihre ganze Lehre schlicht und einfach aber poetisch vor. Der Dichter personifiziert, und etymologische Deutung ist das einzige, was man zum Verständnis der Mythen nötig hat. Die Vorgänger Homers und Hesiods trugen nichts als eine Kosmogonie vor, indem sie die Elemente, Kräfte, Eigenschaften der Natur mit ihren wahren Namen bezeichneten, aber als Personen einführten und das Entstehen der- selben aus einander, folglich als Zeugung darstellten.*)

Creuzer schickte nun die zwischen ihm und Hermann gewechselten Briefe an Goethe und rief ihn gewissermaßen zum Schiedsrichter auf. Wieso Creuzer dazu kam, gerade Goethes Entscheidung in diesen schwierigen Fragen anzurufen, hat er selbst viele Jahre später aufs genaueste erklärt.*) Nach seiner Schilderung hatte er schon im Jahre 1805 an Goethe den

¹) God. Herm. Op. II, p. 167.*) Nachtrag zu d. Schrift ü. d. Aeschylische Trilogie, Frankf. a. M. 1826, S. 4 ff. ²) Fuerunt, qui vel ut lusum riderent, vel. si serio dicta essent, vituperarent. G. Herm. Op. II, p. 167 u. 195.) Uber die Proömien der Theogonie.) Vergl. H. Köchly, G. Herm. Zu s. 100 jährigen Geburtstage, Heidelberg 1876. S. 41.) Briefe ü. Homer u. Hesiodus, vorzüglich ü. d. Theogonie v. G. Hermann u. Fr. Creuzer, Professoren zu Leipzig u. zu Heidelberg.(Mit besonderer Hinsicht, auf des ersteren Diss. De mythologia Graecorum antiquissima u. auf des letzteren Symboliku. Mythologie d. Griechen.) Heidelberg 1818.) a. a. O. S. 2. ³) a. a. O. S. 16.*) s. Fr. Creuzer, Aus d. Leben eines alten Professors, Leipzig u. Darmstadt, 1848, S. 110 ff.