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über Mitleid und Furcht im besonderen entwickelt hat. Hier fand Goethe den besten Auf- schluß über die Fragen, die ihn selbst und Schiller fort und fort beschäftigten.
Es soll nicht verschwiegen werden, daß Hermann wegen seiner Anlehnung an Kant bei diesen Arbeiten oft getadelt worden ist. Theodor Benfey ¹) sagt geradezu, die philosophische Richtung seiner Zeit wäre Hermann nachteilig gewesen, er ermangelte des historischen Sinns und suchte alle Erscheinungen auf sprachlichem Gebiet aus allgemeinen, wie er meinte, not- wendigen Gesetzen zu erklären, die er sich oft willkürlich konstruierte. Heute wird dies wohl allgemein zugegeben.
Von hohem Wert ist auch Hermanns Ausgabe der den Namen des Orpheus tragenden Dichtungen(im Jahre 1805) wegen der grundlegenden Untersuchungen über die Entstehung und vor allem über das Alter der orphischen Dichtungen, von dem man sich vor Hermann die falschesten Vorstellungen gemacht hatte. Diese Abhandlung ist, wie O. Jahn sagt, ²)„ein Muster scharfer Beobachtung und feinen Taktes, in der auf dem Wege metrischer und sprach- licher Forschung Resultate von unzweifelhafter Sicherheit für die Literaturgeschichte ge- wonnen sind“. Auch v. Wilamowitz-Moellendorf sagt von dieser Arbeit Hermanns, daß er mit ihr sein höchstes geleistet habe.) Wir werden noch später zeigen, daß auch Goethes Interesse für die Orphica wachgerufen wurde, und daß er durch sie zu eigenen dichterischen Erzeugnissen veranlaßt worden ist.
Das nächste Werk Hermanns, dem Goethe die größte Bewunderung zollte und durch das er für immer für Hermann gewonnen wurde, war seine Mythologie.“) Goethe hat sich oft über diese Schrift geäußert und stets mit höchster Anerkennung. Durch diese Mythologie ist er zu eigenen Dichtungen, wie zu wissenschaftlichen Arbeiten veranlaßt worden, ja, ihre Einwirkung ist, wie wir sehen werden, auch in der Ausgestaltung der Helena-Tragödie im zweiten Teil des Faust bemerkbar. Hermann ließ seiner Mythologie ein Jahr später noch eine ähnliche Schrift folgen, die den Anfang der griechischen Geschichte behandelte.5) Die Veranlassung zu beiden Schriften war folgende. Hermanns Beschäftigung mit den alten griechischen Epen, besonders mit der Theogonie Hesiods, führte ihn dazu, der Frage über den Ursprung der griechischen Mythen näherzutreten und zu der symbolisch mystischen Deutung derselben durch den Heidelberger Professor Fr. Creuzer,é6) die in weiten Kreisen großes Aufsehen erregte, Stellung zu nehmen.“) Nach Hermanns Ansicht ist die älteste griechische Mythologie weder symbolisch noch allegorisch, wie Creuzer behauptet, sondern poetisch, d. h. personifizierend, und die etymologische Deutung ist nach seiner Ansicht das einzige Mittel zum Verständnis der Mythen. Ohne also auf die historische Entwicklung der Mythen näher einzugehen, oder der Phantasie ein Recht einzuräumen, zog Hermann das Sprachliche, Wurzel und Namen der Wörter zur Deutung der Mythen heran und führte aus, daß Name und Wurzel das Wesen der in den Mythen vorkommenden Gottheiten erklären.³)
¹) Gesch. d. Sprachwissenschaft, München 1869, S. 421.— ²) Biographische Aufsätze S. 109.— ³) Euri- pidis Herakles, I, S. 236.— ⁴) De mythologia Graecorum antiquissima dissertatio, Lipsiae 1817, G. H. op. II, p. 167— 194.— ⁵⁶) De historiae graecae primordiis dissertatio, Lipsiae 1818, G. H. op. II, p. 195— 216.— ⁶) Symbolik u. Mythologie d. alten Völker, bes. d. Griechen. Leipzig u. Darmstadt 1810— 1812.—) vergl. C. Bursian i. d. Allg. Deutsch. Biographie, s. v. G. Hermann.— ³) Nomina deorum omnium origine Graeca sunt, et a munere cuiusque dei atque officio petita.... ex nominibus naturam et munia cognoscenda esse deorum, G. H. op. II, p. 169.


