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wurde der Wunsch in ihm rege, mit Hermann persönlich bekannt zu werden. Dazu fand sich bald Gelegenheit. Als Goethe am 7. Mai des Jahres 1800 mit dem Herzog Karl August in Leipzig war, wo auch eine Zusammenkunft mit Fr. Aug. Wolf stattgefunden hatte, benutzte er diese Gelegenheit und trat am Abende dieses Tages unerwartet zu dem erstaunten Hermann ins Zimmer. Dieser war damals noch Junggeselle und wohnte auf dem Markte, sechs Treppen hoch, in einem kleinen Zimmer, das mit Büchern, Karten, Handschriften und ähnlichen Dingen in genialer Unordnung vollgepfropft war. Hier saß Hermann gespornt und gestiefelt, wie er es als eifriger Reiter zu tun pflegte, in Tabakswolken eingehüllt.¹1) Wie wird beiden wohl zu Mute gewesen sein, als der berühmte Dichter dem bescheidenen Gelehrten gegenüberstand! Es entspann sich alsbald ein lebhaftes Gespräch zwischen beiden über die Verskunst, Prosodie und Rhythmik. Nach einer Notiz in Goethes Tagebüchern(den 7. Mai 1800) unterhielten sie sich über Aeschylus und Plautus, dann„über mancherlei philologische Gegenstände“ und Euripides. Schließlich forderte Goethe Hermann auf, eine deutsche Metrik zu schreiben, was Hermann bescheiden mit dem Bemerken ablehnte, es sei Goethes Aufgabe, die deutsche Metrik zu schaffen. ²)
Daß sich Goethe und auch Schiller in den folgenden Jahren fort und fort mit Hermanns Metrik befaßt haben, geht deutlich aus dem Briefwechsel beider Dichter hervor. Am 26. September 1800 bat sich Schiller von Goethe Hermanns Metrik aus, um sich Rat über den griechischen Trimeter zu holen und Einsicht in die griechische Metrik zu erhalten. Als dann die Metrik Hermanns in Schillers Händen war, schrieb er an Goethe: ³)„Es wird mir schwer, mit Hermanns Buch zurecht zu kommen, und schon vornherein finden sich Schwierigkeiten, ich bin neugierig, wie es Ihnen mit diesem Buche ergangen ist, und hoffe, daß Sie mir ein Licht darin aufstecken werden.“ Hermanns Metrik hat Goethe nie mehr aus der Hand gelegt, sondern, wie sich nachweisen läßt, bis in seine spätesten Jahre immer wieder zu Rate gezogen. So studierte er z. B. Hermanns Metrik für den Abschluß der Pandora ⁴) auf das genaueste, um sich über die lonici und die Choriamben zu belehren, wie ja die in diesem Stücke sich findenden Verse besonders gut gebaut sind.“) Auch Welcker rühmt die in der Pandora befindlichen Verse als besonders gut gefeilt.)
Es ist begreiflich, daß Goethe fortan allen wissenschaftlichen Arbeiten Hermanns großes Interesse entgegenbrachte. So las er mit Vergnügen die im Jahre 1803 erschienene Schrift über den Unterschied des prosaischen und poetischen Stils*), in der Hermann von scharfen Begriffsbestimmungen ausging, wie er sie durch die Kantische Philosophie kennen gelernt hatte. Noch mehr zog Goethe Hermanns Arbeit über die tragische und epische Poesie ³) an, in der auch Kantische Kategorien zugrunde gelegt waren. Und wie eifrig wird Goethe die Poetik des Aristoteles²) studiert haben, die Hermann in dieser Zeit herausgab, ins Lateinische übersetzte und mit einem sehr ausführlichen Kommentar versehen hat! Hier hat er alle schwierigen Stellen erklärt und überall zu Lessings Ansichten Stellung genommen, wie dieser sie in der Hamburgischen Dramaturgie über die Tragödie im allgemeinen und
¹) vergl. Ed. Platner, Zur Erinnerung an G. H., in d. Zeitschrift f. d. Altertumswissenschaft 1849. Nr. 1 u. 2. —*) s. Gespräche mit G., a. a. O., I, S. 281, d. 7. Mai 1800.— ³) d. 1. Okt. 1800.— ⁴) Tagebuch, d. 26. Mai 1808. — ³⁵) s. v. Wilamowitz-Möllendorf im Goethe-Jahrbuch XIX, S. 4*f.— ⁶) Goethe-Jahrbuch XIX, S. 194.—) De differentia prosae et poeticae orationis disputatio, in G. Herm. op. I. p. 81— 128.— ⁵) De tragica et epica poesi, Lipsiae 1802.— ⁹⁸) Aristotelis De arte poetica liber cum commentariis Godofredi Hermanni, Lipsiae 1802.


