Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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würde. Und so beobachtete er denn Hermanns Arbeiten auf dem Gebiete des klassischen Altertums mit inniger Teilnahme, ja mit Bewunderung und war gewiß von dem heißen Wunsch beseelt, so wie Hermann das Griechische zu beherrschen und wie er Kenner der Griechen zu sein.

Die erste Arbeit Hermanns, die Goethes Aufmerksamkeit erregte, war wohl die im Jahre 1794 erschienene Habilitationsschrift De poeseos generibus,¹) in der er unter Einfluß Kants, dessen Lehren ihn, obgleich das systematische Philosophieren nicht in seiner Natur lag, gewaltig angezogen hatten, scharfe Begriffsbestimmungen über die einzelnen Dichtungs- arten gibt. In dieser Zeit erörterte Goethe selbst in einer großen Reihe von Briefen*²) mit Schiller das Wesen der Poesie und wurde nicht müde, mit ihm diesen wichtigen Gegenstand zu besprechen. Der kleine AufsatzUber epische und dramatische Dichtung von Goethe und Schiller,*) ist eine Frucht, die einerseits aus den Besprechungen, die beide große Dichter unter sich gehabt haben, hervorgegangen, andererseits aber durch Hermanns Aufsatz beeinflußt worden ist.

Viel wichtiger für das Verhältnis Goethes zu Hermann sind aber die Arbeiten, die der junge Philologe gleich darauf auf metrischem Gebiet erscheinen ließ. Durch seinen Lehrer Reiz war Hermann auf Bentley als Muster eines Metrikers hingewiesen worden. Er folgte auch seinen Spuren, ging aber bald seine eigenen Wege und schrieb, als erst Vierundzwanzig- jähriger, unter Ubergehung der Uberlieferung der alten Metriker und Rhythmiker in rascher Folge im Jahre 1796 die Elementa doctrinae metricae und De metris poetarum Graecorum et Romanorum libri III, die auch im Jahre 1796 in Leipzig erschienen und drei Jahre später in deutscher Bearbeitung und weiterer Ausführung alsHandbuch der Metrik herausgegeben wurden. Hermann hatte sich in diesen Werken geradezu als Meister und Begründer der wissenschaftlichen Metrik in Deutschland gezeigt. Hier wurden nicht die einzelnen Metra aufgezählt, sondern die allgemeinen Gesetze des Rhythmus entwickelt und nach Kantischen Kategorien philosophisch begründet. Überall hat Hermann hier Bahn gebrochen uud neue Pfade gefunden. Auch auf die Schönheit der griechischen Rhythmen und ihre Ubereinstimmung mit dem Inhalt machte er zuerst aufmerksam und er zuerst sah in den Versmaßen der Oden Pindars oder in den Chorgesängen der griechischen Tragiker nicht Willkür, sondern fand überall Ordnung und Gesetz. ¹)

Diese metrischen Arbeiten Hermanns waren es, die direkt Goethes Aufmerksamkeit auf den jungen Philologen lenkten. Goethe, der wie kein anderer deutscher Dichter ein feines Gefühl für die Harmonie von Form und Inhalt hatte und sich hierin den Mustern der Griechen zu nähern bestrebt war, begrüßte Hermanns Metrik aufs freudigste. Er hatte damals gerade Hermann und Dorothea vollendet und dichtete eifrig an seiner Achilleis und der Helenatragödie im II. Teil des Faust.*) Die sich in diesen Dichtungen findenden antiken Versmaße sind im steten Hinblick auf Hermanns Metrik geformt und gefeilt worden.²) So recht konnte Goethe sich aber nicht mit den abstrakten Theoremen in Hermanns Metrik zurechtfinden, und so

¹) Godofredi Hermanni Opuscula, Lipsiae, Vol. I p. 20 sd. ²) s. bes. d. Briefe Goethes an Schiller v. 19., 22. u. 26. April u. 23. Dez. 1797 u. d. Brief Sch.s an G. d. 26. Dez. 1797. ³) W. 41. 2. S. 220 ff. Verf. zitiert stets nach der großen Weimarer Sophien-Ausgabe= W. Dieser Aufsatz war ursprünglich Beilage zu G.s Br. an Sch. v. 23. Dez. 1797.) vergl. O. Jahn, Biographische Aufsätze S. 111.) Goethes Gespräche, herausgeg. v. Fl. v. Biedermann, II. Aufl. Bd. 1, S. 281.) s. Graef, Goethe ü. seine Dichtungen I, S. 99.