Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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ie nach des Geschickes geheimnisvollem Walten es Goethe beschieden war, daß seines Lebens Kreise sich von der Wiege bis zur Bahre mit den bedeutendsten Menschen seiner Zeit berührten, so war er auch in der zweiten Hälfte seines Lebens mit den großen deutschen Philologen in enge Beziehung getreten, die die Altertumswissenschaft mit Stolz die ihrigen nennt, mit Friedrich August Wolf und Gottfried Hermann. Es war ein großer Moment in der deutschen Kulturgeschichte; die Philologie und die Dichtkunst standen gerade in ihrer höchsten Blüte, als die Häupter beider Zweige des deutschen Geisteslebens aneinander traten. Das Verhältnis Wolfs zu unserem Dichterfürsten und besonders die reiche Anregung, die Goethe in seinen Dichtungen durch den großen Philologen erfahren hat, ist schon mehrfach der Gegenstand gelehrter Untersuchungen gewesen.¹) Weniger bekannt und noch nicht im Zusammenhange dargestellt ist die Einwirkung, die Gottfried Hermann auf Goethe ausgeübt hat und doch kommt sie dem Einflusse Wolfs sehr nahe, ja wird noch in mancher Hinsicht von dem Wolfs übertroffen. Und während die Freundschaft zwischen Goethe und Wolf harte Proben zu bestehen hatte und zuletzt ganz in die Brüche ging, ist sich Goethe in seiner Hoch- schätzung Hermanns immer gleich geblieben, was nicht zu verwundern ist für den, der den Charakter Wolfs und Hermanns kennt. Wie die geistreiche Art Wolfs, alles zu bestreiten und alles zu verneinen, Goethen doch zuletzt verletzen und ermüden mußte, so wurde er durch die schlichte Einfachheit Hermanns, seinen unbestechlichen Wahrheitssinn, sein lauteres Streben, das Gute zu schaffen, seine edle und charaktervolle Persönlichkeit, seine warme Begeisterung für das klassische Altertum aufs innigste angezogen. Es war ganz natürlich, daß Goethe im Laufe der Zeit mit Hermann bekannt wurde. Es ist bekannt, welchen Zauber das klassische Altertum auf Goethes Geist von Jugend an ausgeübt hat. Je mehr er aber selbst als Dichter und Künstler wuchs, desto mehr wurde er gewahr, wie die Griechen in allen den Fragen, die ihn mächtig bewegten, schon vorgedacht und unerreichte Meisterwerke geschaffen hatten. Es war daher selbstverständlich, daß er mit innerer Teilnahme die Bestrebungen der Wissenschaft verfolgte, die dazu berufen ist, das Altertum aufzuhellen und in seinen Geist einzuführen, die Philologie. Und wie sollte sich nicht sein Blick nach Leipzig wenden, wo er selbst die ersten Studentenjahre verlebt und für dessen Universität er stets das größte Interesse gehabt hat! Wie Wolfs Prolegomena ad Homerum ihnimmer in dem Kreise von Entzückung, Hoffnung, Einsicht und Verzweiflung durchgejagt, ²) so wurde er mächtig von Hermanns wissenschaftlichen Arbeiten angezogen. Wenn die behandelte Sache selbst ihm auch oft fernlag, so mußte ihn doch die große Gelehrsamkeit, die Klarheit und Kühnheit der Gedanken, der Wahrheitstrieb, kurz die ganze Methode Hermanns entzücken, und mit klarem Blick erkannte er, wieviel er im Umgange mit ihm gewinnen

¹) vergl. G. Lothholz, das Verh. Wolfs u. W.'s v. Humboldt zu Goethe u. Schiller. Progr. Wernigerode, 1863 u. Michael Bernays, Goethes Briefe an Fr. Aug. Wolf, Berlin 1868. ²) Brief an Schiller, d. 16. Mai 1798.