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gezogen werden, wenn die Stelle auch aus dem Kanon ausgeschlossen ist, Odyssee XVIII- 244— 249, das Erscheinen Penelopes vor den Freiern, oder VI 153—168 der Eindruck, den Nausikaa auf Odysseus macht; beide Stellen geben Gelegenheit, die von Lessing, Laokoon cap. 20 und 21 aufgestellten Gesetze kennen zu lernen), ¹) die Verwandlung des Ruhenden in Fortschreitendes, des Körperlichen in Handlung(z. B. die Beschreibung des Gartens des Löwen- wirtes oder Dorotheas verglichen mit der des Eumaios in Odyssee XIV 528— 533 im Gegensatz zu Vergils Schild des Aeneas unter Bezugnahme auf Laokoon cap. 16— 19) und endlich die poetische Gerechtigkeit im Ausgang der Handlung(zu vergleichen mit den anderen Epen., besonders mit Odyssee und Gudrun). Auch die Personen und Verhältnisse erinnern an frühere ähnliche. Her- mann, der anfangs schüchtern und unselbständig ist, bis ein wichtiges Ereignis, das Zusammen- treffen mit Dorothea, bestimmend in sein Leben eingreift und ihn entschlossen und thatkräftig macht, ist ein Gegenstück zu Telemach vor und nach der Rückkehr seines Vaters. Dorothes in ihrer Entschlossenheit und Stärke im Handeln wie im Leiden, die ihr fast einen gewissen Zug von Herbheit verleiht, während sie doch andrerseits wieder ganz Güte und Hülfsbereitschaft ist, zeigt viel Verwandtschaft mit Gudrun(Schülerbibliothek!). Der Pfarrer, weit gereist und vielerfahren, der stets den richtigen Ausweg und den besten Rat findet, hat ein Stück von dem vielerfahrenen Odysseus an sich. Die Bedenken und die Hoffnungslosigkeit Hermanns am Linden- brunnen und die Schüchternheit seiner Werbung um die Geliebte lassen uns fast Siegfried während seines ersten Aufenthaltes in Worms wiedererkennen. Die Vertriebenen, die fern von der Heimat neues Glück suchen und, wie Dorothea, auch finden, ähneln in ihrer Lage den vertriebenen Troern.
Aber nicht von Kämpfen und Schlachten wie dort hören wir, nicht tieferschütternde Konflikte üben wie im Nibelungenlied ihre furchtbare Wirkung auf ganze Völker, sondern in einem friedlichen Städtchen im engen Rahmen des Bürgertums spielen sich die Ereignisse ab. und nur wie das dumpfe Grollen eines weit entfernten Gewitters und wie das Leuchten der Blitze am fernen Horizont wirft die französische Revolution ihre Schlaglichter in die Handlung. Die Träger derselben sind Bürger, nicht Helden, es ist ein bürgerliches Epos. In ihrem engen Kreise sind sie allerdings bedeutsame Personen, der Wirt und der Pfarrer, der Apotheker und der Richter, Hermann und Dorothea. Aber auch sittlich hochstehende Personen sind sie. und auch in dieser Beziehung bildet„Hermann und Dorothea“ die Krone der epischen Poesie, mögen wir nun das gläubige Gottvertrauen des Löwenwirtes, das im Glück verständig macht und im Unglück Trost und Hoffnung gewährt, oder die geläuterte Vaterlandsliebe Hermanns (Gesang 9) betrachten, die, wenn der Feind kommt, im Bewusstsein der zurückgelassenen Güter Haus und Herd zu schützen entschlossen ist. Durch diese nationale Tendenz berührt sich unser Epos mit den grossen Heldengedichten, sowie mit Livius und Herodot. ²)
Uberall also das Gemeinsame aus dem Wechsel der Erscheinungen heraus finden zu lassen, indem man den Knaben lehrt„beständig aus einer Scienz in die andere hinüber zu schauen“ und„sich ebenso leicht von dem Besonderen zu dem Allgemeinen zu erheben, als
¹) Der Laokoon gehört freilich nach UI, aber seine Heranziehung bei dieser und ähnlichen Gelegen- heiten scheint uns notwendig und die Fassungskraft der Obersekundaner nicht zu übersteigen. Auch in UI be- obachten wir übrigens das Verfahren, gleich von Anfang des Jahres ab im deutschen oder fremdsprachlichen Unterricht bei passender Gelegenheit die Lektüre eines Kapitels Laokoon vorzunehmen, so z. B. bei der Thersites- Szene cap. 23, die Verwendung des Hässlichen. Die so erworbenen Einzelkenntnisse werden später zusammen- gefasst und ergänzt bei der Lektüre eines Aufsatzes unseres Lesebuchs, der die Hauptgedanken der einzelnen Kapitel in gedrängter Kürze noch einmal im Zusammenhang überblicken lässt.
²) Willmann, Päd. Vortr. S. 93: Der heldenmütige Kampf pro aris et focis ist der elbe, ob ihn die Sachsenkönige Heinrich und Otto fechten gegen die Magyaren, oder Karl der Hammer gegen die Araber, oder Leonidas gegen die Fluten des Barbarenheeres.


