Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 2. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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ehrung der Frauen erinnert an die Gestalten einer Penclope, Gudrun und besonders Kriem- hilde, wie wir sie kennen lernten, als sie Sivrit alrèste ersach. Dass Tacitus die hohe Stellung der Frauen als speziell germanisch bezeichnet, wird danach überzeugend erscheinen. Die Pflege des Gefühls für des Vaterlandes Ehre und Wohlfahrt, das die antike Lektüre der Klasse zu erwecken und zu pflegen geeignet erschien, wird sich hier um so wirkungsvoller gestalten, als dieses hier in der eigenen Litteratur in Bezug auf das eigene Vaterland dar- gestellt wird. ¹) und die religiösen Lieder erinnern nicht bloss an die Beispiele tiefer Frömmigkeit aus der antiken Litteratur, sondern zeigen ganz besonders eine vertiefte und veredelte Auffassung des im deutschen Nationalepos noch rein äusserlich auftretenden Christentums.

Bei der Auswahl aus den Dichtungen Walthers, bei der die Arbeiten von Matthias ²) und Polack ³) benutzt wurden, konnten hier einige Stücke mehr Aufnahme finden, als in meinem Aufsatz in Lehrpr. 31, da inzwischen das Deutsche in OII von 2 auf 3 Stunden erhöht wurde. Nach den von selbst sich ergebenden Beziehungen zur Natur, zum Menschenleben und zu Gott) glaubte ich folgende Anordnung treffen zu sollen):

I. Natur- und Frauenminne.

55 diu werlt was gelf, rôt unde blà Seither Frühling, jetzt Winter.

54 uns hat der winter geschat überall Jetzt Winter, bald Frühling.

57 der sumer komen was Frühling.

15 s0 diu bluomen uz dem grase dringent Frühling und Frauen.

25 müget ir schouwen waz dem meien Frühlingslob und Bitte um Frauengunst.

13 nemt frouwe disen kranz Ein Traum zeigt ihm die Herrin, die er jetzt sucht. 18 wol mich der stunde daz ich si erkande Finden der Herrin.

ſi9 ich bin nu so rehte fro

di7 ganzer fröuden wart mir nie so wol ze muote 32 in einem zwivellichen wàn. Zweifel in Hoffnung verwandelt durch das Halmorakel. [20 ein niuwer sumer, ein niuwe zit L45, wer gap dir, Minne, den gewalt

Hoffnung ihre Gunst zu gewinnen.

Minneglück. Höhepunkt!

26 min frouwe ist ein ungenaedie wip Trübe Wolken. 53 ich wil na teilen, ê ich var Missmutige Entsagung und Verzicht auf unedle Rache. 56 der rife tet den kleinen vogelen wo Wehmütiger Rückblick und Abschied.

Üperall, wo es angeht, wird auf früher gelernte Frühlingslieder zurückgegriffen. So erinnert 55 an Hoffmann von FallerslebensSehnsucht nach dem Frühling:O, wie ist es kalt geworden, 54 an GeibelsHoffnung:Und dräut der Winter noch so sehr es muss doch Frühling werden, und den 5 ersten gemeinsam ist der in BodenstedtsWenn der Früh- ling auf die Berge steigt ausgesprochene Gedanke:O, wie wunderschön ist die Frühlingszeit! Beim Zusammenstellen der einzelnen Züge zu Situationszeichnungen findet sich häufig Gelegenheit zum Zurückgreifen auf andere Stoffgebiete. Bei 57 fällt die Khnlichkeit des Schauplatzes mit Odyssee XVII 205 ff. auf, noch mehr aber die mit der Quelle unter dem Lindenbaum im Odenwald, an der Siegfried ermordet ward, und 15 erinnert daran, wie Kriemhilde(Avent. v) an einem pfingestmorgen.. so minnecliche also der morgenrôt tuot uz den trüeben wolken zu der hohgezit nach dem Sachsenkriege ging.

¹) Meier a. a. O0. ²) Walther von der Vogelweide in Prima; Lehrpr. 19. ³) Frick und Polack, Aus deutschen Lesebüchern; Bd. IV. ¹) Frick, Die Lektüre der deutschen Lyriker in den oberen Klassen der höheren Schulen; Lehrpr. 7. ) Ich zitiere nach Paul, Die Gedichte Walthers v. d. V., Halle, 1892. 3*