— 17—
lesen wird dagegen der Wettlauf und die Ermordung Siegfrieds Av. XVI 913—922. Letztere giebt Gelegenheit zum Entwurf eines Situationsbildes des Lindenbrunnens im Odenwald. ¹)
Mit diesem Wettlauf tritt in Parallele der des Nisus und Euryalus; der eine zeigt den Triumph der Treue, der andere den der Untreue. ²) Die ergreifende Schilderung des sterbenden Helden und der unglücklichen Witwe wird das sympathetische Interesse aufs höchste erregen. Letztere entdeckt den Toten XVII 944—954; sofort kennt sie den Mörder und beschliesst Rache, aber eine unüberlegte Rache durch die Mannen Siegmunds weiss sie besonnen zu hindern v. 968— 980, und sie bestattet den Toten v. 1004— 1012. Die Aufdeckung der tragischen Schuld Siegfrieds und Kriemhildens, der Undankbarkeit Gunthers, des Verwerflichen und Entschuld- baren in Hagens Verhalten fördert nicht bloss das spekulative Interesse, sondern hat auch er- zieherischen Wert, denn„die Psychologie lehrt, dass das Wollen, von welchem der sittliche Wert des Menschen abhängt,— in dem Interesse der Teilnahme an dem einzelnen Menschen, wie an der Gesamtheit und deren Entwickelung nach der sozialen, politischen, ethischen und religiösen Seite seine Wurzel hat.“³) Da aber zur Weckung dieser Teilnahme nicht jeder Stoff sich in gleicher Weise eignet. so ist es eine Forderung des erziehenden Unter- richts, die Lektürestoffe von diesem Gesichtspunkte aus zu prüfen.¹)
Bei der Inhaltsangabe der folgenden Aventiuren wird die fortgesetzte Feindseligkeit Hagens gegen Kriemhilde hervorgehoben(über den Ort der Versenkung des Hortes vgl. die interessanten Ausführungen Riegers a. a. O.), während bei der Lektüre der Werbung Etzels durch Rüdiger Av. XX 1164— 1225 dessen Schwur und Kriemhildens Hoffnung auf Rache als bedeutsam hervortreten. Die Verfolgung der Reise ins Hunnenland führt uns auf die grosse Heerstrasse, die auch die Kreuzfahrer zogen.5) Wie in der 1. Hälfte der Traum Kriemhildens, so giebt in der 2. die Prophezeiung der Meerfrauen XXV 1462—1489 den unheilvollen Ausgang im voraus an. Von jetzt ab kennt Hagen keine Rücksicht mehr, die Gefahr reizt ihn nur zu desto verwogeneren Thaten, wir bewundern in ihm die Erhabenheit des bösen Willens. Auf der Reise sehen wir noch ein freundliches Bild, die Einkehr auf Rüdegers Burg. Diese Scene erweitert das Kulturbild des Mittelalters durch die Kenntnis des Familien- lebens und der Geselligkeit auf der Ritterburg⁰) und wird verglichen mit den entsprechenden griechischen Verhältnissen.) Die einzelnen Züge sind die grossartige Gastfreundschaft(cf. Tacitus, Germania und die homerische Gastfreundschaft), das Begrüssen und Hereinführen der Gäste durch die Frauen, der Ausschluss der Frauen von der Tafel der Männer mit Ausnahme der Hausfrau, die Unterhaltung der beiden Geschlechter nach der Tafel, die Verlobung im Ring der Verwandten(cf. Siegfried und Kriemhild), die Überreichung von Geschenken beim
¹) Über den Ort s. Rieger, die Nibelungensage in ihren Beziehungen zum Rheinland, in den Quartal- blättern des hist. Vereins für das Grossherzogtum Hessen, 1881, Nr. 1—4.
²) Uber die Wichtigkeit des häufigen Heranbringens von Vorstellungen eines sittlichen Gutes an das zu bildende Gemüt vgl. Matzalt, UÜber die Bildung des Willens durch den Unterricht; Ztsch. f. d. G. W. 1871, S. 874..
³) Ackermann a. a. O. Die Psychologie im Unterricht S. 90.
*) Vgl. hierzu die Arbeiten von Dettweiler, Untersuchungen über den didaktischen Wert Ciceronia- nischer Schulschriften I und II..
⁵) Eine Zusammenstellung des Geographischen und eine Nibelungenkarte(cf. die im I. Teil dieser Ab- handlung empfohlene Anfertigung einer Skizze von Rom an der Hand der Lektüre des Livius) findet sich bei Rein, Pickel etc. a. a. O. S. 86 und 95.
⁶) Der Anschauung dient aus den Lehmannschen Bildern die Ritterburg und der Rittersaal. 399 3 ¹) ef. Schiller, Die einheitliche Gestaltung und Vereinfachung des Gymnasialunterrichts; Halle, 1890. S. 104.’
3


