— 16—
Von Av. VIII und IX genügen kurze Inhaltsangaben. Die Überreichung von„boten- brot“ für die gute Nachricht erinnert an die Ausstattung der Fremden, die Penelope angeblich Nachricht von Odysseus brachten.
Av. X. Die Verlobung Siegfrieds mit Kriemhild im Ring der Verwandten ist ein Beitrag zur Kenntnis der germanischen Volkssitte(Vorbereitung auf Tacitus Germania in 1). Der Bruder hat die munt über die Schwester. Dass die Verlobung als Belohnung für Siegfrieds Hilfe erscheint. erinnert an die Brautgeschenke bei der griechischen Verlobung und die bei beiden zu Grunde liegende ältere Sitte des Brautkaufs. Brunhildens Verdacht wird durch Gunthers ausweichende Antwort noch mehr erregt. Strophe 576—636 wird überschlagen, doch muss die folgenschwere Wegnahme von Ring und Gürtel bei einem zweiten Ringkampf erwähnt werden.
Siegfried reist mit Kriemhild nach Santen, aber Brunhildens Argwohn, der durch Gunthers ausweichende Antworten noch genährt wird, pringt beide wieder nach Worms zurück. Den Streit der Königinnen Av. XIV lesen wir nur bis v. 782. Für das Folgende begnügen wir uns mit der Angabe, dass Kriemhilde, von Brunhilde schwer gereizt, das Geheimnis von deren zweiter Besiegung in Worms preisgiebt(tragische Schuld!) und die Wahrheit ihrer Aus- sagen durch Vorzeigen von Ring und Gürtel beweist. ¹)(Der Verwendung des Mittels, gering- fügige Gegenstände, wie hier den ohne bestimmte Absicht abgenommenen Ring und Gürtel. zu Trägern bedeutsamer Handlungen zu machen, begegnet der Schüler bei der Lektüre von Dramen vielfach wieder; z. B. in Emilia Galotti(U I) der ungelesene Brief der Orsina). Uber eine kurze Stelle, an der über sexuelle Verhältnisse mit der den epischen Gestalten eigenen Naivetät gesprochen wird, kann man, wie das ja auch bei Homer nicht zu umgehen ist, ein- fach weglesen, aber die Ausführlichkeit dieser Stelle scheint den Ausschluss zu gebieten.*) Hagen wird für die betrogene Brunhilde das Werkzeug der Rache. Geneigt dazu macht ihn wohl sein persönlicher Hass gegen Siegfried(cf. dessen erstes Auftreten in Worms und Hagens Verdrängung aus der ersten Stelle bei Hofe), aber zur Ausführung bestimmt ihn seine Mannen- treue, die ihm gebietet, die Beleidigung seiner Herrin zu rächen, ausserdem auch der Vorteil, den er aus Siegfrieds Tod für seinen Herrn erhofft. Die Treue zu seinem Herrn und später die Freundschaft zu Volker sind Züge, die ihn uns trotz seiner sonstigen Gefühllosigkeit mensch- lich näher rücken. Der undankbare Fürst folgt dem bösen Ratgeber, die untriuwe beginnt. Aus den Vorbereitungen zum Mord wird hervorgehoben Av. XV v. 834— 848, wie Hagen der ahnungslosen Kriemhild das Geheimnis von der verwundbaren Stelle Siegfrieds entlockt. Dass uns hier ein Stück aus der Vorgeschichte Siegfrieds mitgeteilt wird, ist wichtig für die Fest- stellung des in diesem Epos weniger hervortretenden Gesetzes von der scheinbaren Zufällig- keit der epischen Anordnung des Stoffes. Die Untreue erscheint gegenüber der gerade jetzt wieder sich zeigenden Treue und Hilfsbereitschaft Siegfrieds um so verwerflicher(Verwendung des Kontrastes!). Die Jagd, die uns kurz vor seinem Tod noch einmal die Kraft und Arg- losigkeit unseres Helden zeigt, kann man als Beitrag zu einem Kulturbild des Mittelalters (vgl. Frick und Polack, Aus deutschen Lehrbüchern, Bd. 4 und Rein, Pickel etc. a. a. O.) in der Übertragung lesen und Vergleiche mit der Jagd bei Homer anstellen; ³) eingehend ge-
¹) ef. die Erzählung dieser Vorgänge bei Rein, Pickel und Scheller, Theorie und Praxis des Volksschulunterrichts; IV. Schuljahr. Dresden 1889, S. 65 und 66.
²) Die ganze Stelle hat in seinen Kanon aufgenommen Böhme, Ein Stiefkind im Lehrplan des Deutschen; Lehrpr. 32, dessen inhaltlichen Ausführungen ich im allgemeinen beistimme, während ich mich hinsichtlich der sprachlichen Behandlung lieber anschliesse an Schmidt, Zum mittelhochdeutschen Unterricht; Lehrpr. 34.
³) Uber letztere siehe: Der Weidman n, 1. illustr. deutsche Jagdzeitung, 24. 3d. Nr. 8, Jhrg. 1892: Wald, Wild und Jagd in den Dichtungen Homers.


