Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 2. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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bekannt, sondern giebt auch in nuce den Verlauf der Handlung nach seinen 2 Hauptteilen an. Die übrigen Träger der Handlung, die in den unechten Strophen katalogartig aufgezählt sind, lernen wir lebendiger im weiteren Verlauf der Lektüre kennen.

In Av. II tritt neben Kriemhilde der Hauptträger der Handlung der 1. Hälfte, Sieg- fried in Xanten am Niederrhein. Doppelter Schauplatz: Kriemhilde in Worms, Siegfried in Xanten, wie in der Odyssee: Penelope und die Freier in der Stadt, Odysseus und Telemach bei Eumaios. 3

In Xv. III erfolgt durch Siegfrieds Reise nach Worms die Vereinigung der Haupt- personen auf einem Schauplatz wie in der Odyssee durch den Gang des Odysseus und Tele- mach in die Stadt. Kriemhildens Schönheit lockt ebenso die Freier nach Worms wie die Pene- lopes nach Ithaka. Zu Siegfrieds Abenteuerlust vgl. das bei dem Cyklopenabenteuer Gesagte. Das Pochen auf seine Kraft, sein unmotiviertes Ansinnen an Gunther und die damit verbundene Beleidigung llagens bilden den Anfang der Schuld. Die seinen Stolz reizende Warnung seines Vaters vor Hagen genügt nicht zur Erklärung seiner Handlungsweise. Hier muss man die ältere Gestalt der Sage, nach der Siegfried sich mit Brunhild verlobt hatte und ausgezogen war, sich ein Reich zu erobern, zur Erklärung heranziehen. Die Nibelunge von Jordan befinden sich zu diesem Zwecke in unserer Schülerbibliothek. Hagen,dem sint kunt diu riche und elliu fremdiu lant erinnert an Odysseus, der 7oA⁴λιιν αeν*ναμν evν dgtex vui doν ye; der in den Kampf- spielen sich auszeichnende Siegfried wird verglichen mit Odysseus bei den Phäaken. Charak- teristisch ist der Unterschied zwischen seiner Bescheidenheit und dem Prahlen des Helden von Ithaka.

Av. IV der Sachsenkrieg wird als für den Gang der Handlung minder wesentlich aus- gelassen. Dagegen kann man ihn in der nhd. Übersetzung lesen und Stoffsammlungen zur Kenntnis des germanischen Kriegswesens anlegen lassen zum Vergleich mit dem griechischen und römischen Heerwesen, z. B. das Zustandekommen des Heeres, indem der Königbesendet (àeranéumouud) màge unde man, vgl. mit dem Zustandekommen der Heere des Kyros und Arta- xerxes in der Anabasis und des Xerxes bei Herodot; die scharmeister vgl. mit den Centurionen, die vanen anbinden als Zeichen zum Kampf mit dem Aufstecken der roten Fahne auf dem römischen Feldherrnzelt. Für die Zweikämpfe der Führer finden sich mehrfach Parallelen in der Aeneis(Turnus-Pallas; Aeneas-Turnus). Die geographischen Kenntnisse erhalten Zuwachs durch Verfolgung des Wegs von Worms über den Rhein, durch Hessen nach Sachsen(und Dänemark).

Av. V. Siegfrieds und Kriemhildens Schüchternheit bei ihrem ersten Zusammentreffen bereitet durch die Zartheit der Empfindung auf das ritterliche Minnelied(Walther) vor. Seine Tapferkeit und die damit verbundene Bescheidenheit, die Verehrung der Frauen, die Ritter- lichkeit gegen die Besiegten, die Gastfreiheit, die Festspiele(zur Anschauung dient das Turnier aus den Lehmannschen Bildern) ergeben ein Kulturbild des Rittertums, das sichmit dem Heroentum im Kultus der Kraft und des Mutes trifft.* ¹)

Av. VI. Die Fahrt nach lsland erweitert den Schauplatz. Gunther verspricht Sieg- fried seine Schwester Kriemhild für seine Hilfe. Dass letzterer Brunhild dem Gunther zeigt, sie also von früher kennt, und diese ihn als Bekannten begrüsst, erklärt wieder die ältere Gestalt der Sage, ebenso wie den Grund, aus dem er sich als Mann Gunthers bezeichnet(Schuld).

Av. VII. Zum Kampf um Brunhild vgl., abgesehen vom Zweikampf zwischen Aeneas und Turnus um Lavinia, den Bogenwettkampf um Penelope. Nur Odysseus kann den Bogen spannen, nur Siegfried kann den Stein werfen.

¹) Willmann na. a. O. 93.