Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 2. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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Parallel mit der Lektüre der Odyssee läuft die des Nibelungenliedes, die sich mit jener in die Aufgabe, den Begriff des Epos zu erarbeiten, zu teilen hat. Hinsichtlich der formalen Seite bietet im allgemeinen die Ahnlichkeit der Entstehung(Einheits- und Liedertheorie) Ver- gleichungspunkte zwischen beiden Epen, im einzelnen wird durch fortlaufende Zusammen- stellungen die Kenntnis des gesamten epischen Apparats erworben. Wenndas Ziel der mhd. Lektüre nicht eine Aneignung der Sprache auf Grund grammatischer Kenntnisse ist, sondern ein Verständnis der poetischen Eigenart und der sprachlichen Form der gelesenen Werke, ¹ so sind derartige(formale und inhaltliche) Sammlungen(ein Muster findet sich bei Hachez. Lehrpr. 31) ²), die das empirisch-ästhetische Interesse fördern, geboten, und zwar umsomehr, als hier der Selbstthätigkeit der Schüler ein weites Feld eröffnet wird.Aller Sprachunterricht aber, mags sich nun um den Sprachinhalt oder um die Sprachform handeln, ist in seinem Erfolge so sehr von der Selbstthätigkeit der Schüler abhängig, dass die Notwendigkeit derselben sofort ins Auge springt. 3) Auch die leitenden Grundgedanken fordern zu steten Vergleichen auf. Denn Heldentum, Heldenehre und opferwilliger Dienst fürs Vaterland sind Gedanken, die auch in. den übrigen Epen typisch herausgebildet sind. ¹) Es werden also hier die in UII am Cid und Wilhelm Tell kennen gelernten sittlichen Begriffe immanent repetiert und erweitert; zugleich bilden sie die Verbindung mit den übrigen Lehrstoffen der Klasse.5) Die Treue in ihren ver- schiedenen Gestalten tritt bei keinem anderen Stoffe so in den Vordergrund wie hier und er- scheint als charakteristische Eigenschaft des deutschen Volkes. Uberhaupt ergiebt sich die Pflege des Heimat- und Vaterlandsgefühls nirgends so unmittelbar wie hier. Sind ja doch die wich- tigsten Schauplätze der 1. Hälfte, nämlich Worms, der Siegfriedsbrunnen im Odenwald und das Kloster Lorsch(Lorse) in unmittelbarer Nähe. Ausserdem fördert auch die ältere Gestalt unserer Muttersprache, ganz abgesehen davon, dass sie das spekulative Interesse wie keine andere erregt, durch zahlreiche Übereinstimmungen mit unserem Dialekt, den die meisten Schüler kennen(zur fruchtbringenden Heranziehung muss ihn freilich auch der Lehrer kennen oder doch kennen zu lernen suchen), hinsichtlich der Aussprache(z. B. Vatter, nemmen) wie des Wortschatzes(z. B. Freund= Verwandter; deck, mhd. dicke= oft), die Achtung vor der Sprache des Volkes und somit die Achtung vor dem eigenen Volkstum(Soziales Interesse).

Bei der Verfolgung der Entwicklung des Konfliktes wirkt die Aufdeckung der tragischen Schuld der Träger der Handlung nicht bloss anregend auf das spekulative, sondern auch auf das sympathetische und in der Furchtbarkeit des Ausgangs mit seiner Lehrealle Schuld rächt sich auf Erden, also mit dem Hinweis auf die göttliche Gerechtigkeit auch auf das religiöse Interesse. UÜberall wird die Odyssee zum Vergleiche herangezogen. Eine Beschränkung auf die von Lachmann als echt erkannten Lieder genügt für die angegebenen Zwecke und empfiehlt sich auch mit Rücksicht auf die zur Verfügung stehende Zeit(1 Tertial).

In Aventiure I möchte ich jedoch die unechten Strophen 1719⁶) hinzunehmen. Die Eingangsstrophe enthält wie der Anfang von Odyssee, Aeneis, Ilias und Messiade das Thema. Der Traum der Kriemhilde(das homerische Motiv des övεενc) macht uns nicht bloss mit dieser

¹) These derVersammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Wien cf. Z. f. d. G. W. 1893; S. 809.

²) Die Behandlung des Nibelungenlieds in Prima.

³) Ackermann, Päd. Fr. I. R. Die Selbstthätigkeit der Schüler im Unterricht. 4) I,oos a. a. O. S. 48.

) cf. Schiller, Hdb. d. prakt. Päd. 2. Aufl. S. 320.

) Ich zitiere der Deutlichkeit halber die Avent. nach der gewöhnlichen Zählung und die Strophen nach der Ausgabe von Lachmann.