v. 185—239 in Philoitios einen weiteren treuen Helfer kennen; die Ermordung des Telemach (6Sε) wird nur durch ein Wunderzeichen verhindert v. 239— 247. Der Wurf des Ktesippos reizt den Odysseus noch mehr. Bemerkenswert ist die entschlossene Haltung des Telemach v. 304 — 319(vgl. dagegen XVI 127— 129). Sein Entschluss lieber zu sterben als Ehre und Heimat den Feinden preiszugeben ist die Gesinnung der Helden von Marathon und Salamis. Ein furcht- bares Wunderzeichen und seine Deutung führen zum Frevel gegen die gottgeheiligte Person des Sehers(Hlöhe der ugoic!). Nun muss die Entscheidung fallen. Der angekündigte Bogen- wettkampf ist die letzte Ausflucht der Penelope, zuverlässige Bundesgenossen sind gewonnen, Odysseus ist schwer gekränkt und Telemach seines Lebens nicht mehr sicher; denn auch sein letzter Schutz, die Scheu der Freier vor den Göttern, hilft jetzt nicht mehr. Nur die Ge- legenheit zur Ausführung der That fehlt noch. Diese bietet
Gesang XXI der Bogenwettkampf(v. 14—55 kann wegbleiben). Während desselben giebt sich Odysseus dem Eumaios und Philoitios zu erkennen, die letzten Vorbereitungen werden getroffen, Penelope wird dus dem Männersaal entfernt, und Odysseus erhält die totbringende Waffe. Die Kunst des Dichters zeigt sich darin, dass alle hervorragenden Personen den Bogen zu spannen versuchen und trotzdem die Handlung nirgends einförmig wird. Noch mehr zeigt sie sich in
Gesang XXII, dem Freiermord. Die Verschiedenheit der Situation, in der die hervor- ragendsten Freier getötet werden, der Wechsel zwischen Einzel- und Massenkampf, die Ein- führung fördernder(Bewaffnung der Hirten, Beistand der Athene) und hemmender(Bewaffnung der Freier) Momente, die Vermeidung des Grässlichen, dadurch dass die Freier nicht wehrlos hingeschlachtet werden, und endlich der versöhnende Abschluss durch die Begnadigung des Sängers und des Herolds erzeugen einen vollauf befriedigenden Eindruck. Weggelassen wird v. 210— 240 die Bedrohung des Mentor, v. 257— 286 ein Teil des Massenmords und ganz besonders v. 445— 501 die Bestrafung der ungetreuen Mägde und des Melantheus, sowie die Reinigung des Saals.
Von Gesang XXIII wird gelesen v. 1— 111 Penelopes Erscheinen vor Odysseus im Saal, v. 164—232 die wichtigste aeνιιο und v. 344— 372 der Entschluss zu Laertes zu gehen. Den Abschluss bilden
Gesang XXIV v. 205— 360 die Erkennung durch Laertes(letzte αηιυιέις v. 412— 471 die Aufwieglung der Ithakesier durch Eupeithes, v. 502— 548 der letzte Kampf und der versöh- nende Ausgäng. Der ethische Grundgedanke des Ganzen, der sich mit dem der Geschichte des Herodot deckt, lässt sich zusammenfassen in die Worte Schillers:
Böses muss mit Bösem enden, Rache folgt der Frevelthat. Denn gerecht in Himmelshöhen Waltet des Kroniden Rat.
Die Ableitung solcher Urteile wirkt bildend auf den sittlichen Willen und damit auch auf das sittliche Handeln. Ein Vorzug der Odyssee ist es, dass die Verhältnisse einerseits ein- fach genug sind, um das Fällen sittlicher Urteile mit Klarheit und Bestimmtheit zu ermöglichen, dass sie andrerseits aber auch das Interesse ganz in Anspruch nehmen, sodass die Urteile Wärme und Kraft bekommen. Zugleich ist„diese poetische Gerechtigkeit eine wohlthätige Gegenwirkung gegen den Mangel an Gerechtigkeit, den das menschliche Auge in den Dingen der Wirklichkeit so oft entdeckt, und eine Stütze, die erst eine sehr gereifte sittlich-religiöse Lebensauffassung, ohne dadurch selbst gefährdet zu werden, entbehren kann. ¹)
¹) Ackermann, Pädagog. Fragen, 2. Reihe, Die Bildung des sittlichen Urteils durch den Unterricht; S. 27 und 34, Dresden 1886.


