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Vorzug körperlicher Schönheit stimmt überein mit Goethe, Hermann und Dorothea VI, 151—154. Das Urteilsvermögen wird geübt durch Aufdeckung der charakteristischen Unterschiede der trefflich gezeichneten Charaktere der Hauptpersonen. Da ist der körperlich und geistig tüch- tige und wenn auch nicht ganz redlich, so doch freundschaftlich und humorvoll handelnde Nisus, neben dem kindlich liebenswürdigen, vielversprechenden Knaben Euryalus der unangenehme Schreier Salius und endlich der väterlich milde, gereifte Mann Aeneas, der lächelnd die erhitzten Gemüter der Jünglinge beruhigt. Für die Entstehungszeit und Charakteristik der Dichtung ist bemerkenswert das Hineintragen späterer Verhältnisse(die vordersten Sitzreihen des Theaters sind von den patres besetzt!) in die Heroenzeit.(Anders bei Homer, ähnlich dagegen in dem später überarbeiteten Nibelungenlied!) Die Episode ist also geeignet auf Anschauung. Urteil, Gemüt und Wille, also auf alle Seiten des menschlichen Geistes nachhaltig einzuwirken und dadurch zur Bildung der Gesinnung und des Charakters beizutragen. Nisus und Euryalus sind Gestalten, die dem Schülergemüt nahe treten, denen er nacheifern möchte. Den Abschluss bildet die Bemerkung, dass diese Freundschaft, die sich hier„im Freudenspiel“ gezeigt hat, sich auch noch„im fürchterlichen Ernst“ bewähren wird(Erregung des Interesses!).
B. VI. Nach seiner Landung in Italien bei Kumä besucht Aeneas mit der Sibylle die Unterwelt. Im Elysium zeigt ihm sein Vater die Seelen seiner Nachkommen. Den grössten Teil dieses Buches übergehen wir als unseren Zwecken fern liegend, ebenso wie wir auch Odyssee XI Mæzuia überschlagen. Berührungspunkte mit der Geschichte böte ja die Aufzühlung wichtiger Personen der römischen Geschichte. Aber einen derartigen Uberblick müssen wir aus später zu entwickelnden Gründen beim Schilde des Aeneas lesen. Deshalb bleibt uns hier nur als zeitgeschichtlich bedeutsam die Charakteristik des Augustus v. 788— 807 und des Marcellus v. 860— 885. Hier sehen wir auch die Litteratur im Dienste des Vaterlandes, indem sie teilnimmt an den Geschicken des Herrscherhauses in guten und bösen Tagen.(Anders Livius, ähnlich Horaz und Walther von der Vogelweide.) Dass wir hierin ebensowenig wie bei Walther niedrige Schmeichelei zu erblicken haben, beweist die Geschichte; wenn die An- schauungen der Zeit gestatteten, Augustus Altäre zu errichten, so vergiebt sich der Dichter durch die Verherrlichung des Mannes, der den Bürgerkriegen ein Ende machte, gewiss nichts ¹¹) Und wenn das Erscheinen des Augustus hier(wie auch bei Horaz) als die Erfüllung einer Verheissung dargestellt wird(quem tibi promitti saepius audis), so mag das dazu beitragen, dass der Schüler in grossen Männern providentielle Personen verehren und sie nicht bploss als eine Art Dienstmänner der Weltgeschichte ansehen lernt.
Erzieherisch wohl noch wertvoller als die Bewunderung des Augustus ist das Nach- empfinden der Trauer über das frühe Hinscheiden des Erben der Krone, des Lieblings und der Hoffnung des römischen Volkes, des 19 jährigen Marcellus. Gerade Zeiten des Unglücks sind ja besonders geeignet durch die Vermittlung des Mitleids das Vaterlandsgefühl zu wecken. ²) Und welcher Leser dieser Verse möchte nicht an die ganz gleichen Empfindungen des deutschen Volkes bei dem Hinscheiden Kaiser Friedrichs III. denken?— Auf diesen Abschnitt wird man auch in I. bei der Lektüre von Horaz, Oden, lib. I 12, 45 zurückgreifen.
Von B. VII und dem grössten Teile von B. VIII geben wir nur eine kurze Inhalts- angabe. Gelesen wird die Überreichung der Waffen durch Venus, besonders die Beschreibung des Schildes des Aeneas v. 608— 731. Der Abschnitt ist weniger inhaltlich als formell wichtig. Inhaltlich ist abgesehen von weniger wichtigen Ereignissen aus der römischen Geschichte
¹) cf. Detto, Horaz und seine Zeit, Berlin 1892, S. 27. ²) Meier a. a. O. p. 22.


