43 dass Heldensänger und Liederdichter und alle Meister des Gesanges viele Mühe haben würden, um Alexander und seine Thaten würdig zu feiern, durch diese schöne Deutung, mit der er alle seine Collegen ausstach, mochte er dem scharfblickenden Feldherrn sich als den rechten Mann empfohlen haben, der sich auch ohne Wink auf den Vortheil seines Brodgebers verstehe, und der vorzugsweise verdiene, als Begleiter für den bevorstehenden Feldzug engagirt zu werden. Und wahrlich Alexanders Scharfblick hatte sich in ihm nicht getäuscht! Er half ihm mehr als eine Schlacht gewinnen. Die elf Tage vor der Schlacht bei Gaugamela eintretende Mondsfinsterniss, welehe die abergläubigen Soldaten so sehr beängstigte, deutete er zu Gunsten der Macedonier, indem er verhiess, dass es noch in diesem Monate zur Schlacht und zum Siege kommen werde; ferner in der Nacht vor dem blutigen Treffen, als alle Andern im Schlafe lagen, brachte er mit dem Könige vor dessen Zelte zu, mit Fohelmmissſoller Opferfeier die Götter und insbesondere den οςο sühnend ¹)(ispooiarς εςα ανς—ρτιυυέ εερμοουμοννωπ); am Morgen aber vor der Sehlacht war es wiederum Aristander, weleher, angethan mit dem weissen Priestergewande, das Haupt mit goldenem Kranze geschmückt, neben Alexander daher sprengte und mit erhobener Rechte auf einen Adler hindeutete, der über dem Haupte Alexanders in der Luft schwebte und gegen die Feinde seinen Flux richtete,„so dass Alle, die das sahen, von grossem Muthe erfüllt wurden und in dieser begeisterten Stimmung die Sturmkolonnen gegen den Feind rückten ²).“ Für diese seine guten Dienste griff ihm dann auch der erkenntliche Kriegsherr gerne, und sollte es durch ein ganz ausserordentliches Commandowort sein, unter die Arme, wenn ihn sein dienstwilliger Sehereifer bisweilen zu weit fortgerissen hatte. So gab bei der Belagerung von Tyrus, als Ari- stander nach vollbrachten Opfern den Umstehenden zuversichtlich verhiess, die Stadt werde noch im Laufe dieses Monates genommen werden, und als, da man bereits den letzten Tag des Mona- tes zühlte, Alle in lautes Gelächter ausbrachen, der mächtige König den Befehl, diesen Tag nicht als den dreissigsten, sondern als den drei und zwanzigsten zu zählen! Auf der Stelle aber unter- nahm er einen Hauptangriff gegen die Stadt, den er anfangs nicht beabsichtigt hatte, und eroberte dieselbe noch am nämlichen Tage¹)! Lag es ja doch in seinem Interesse, die Aussagen seines Zei- chendeuters in den Augen der rohen Krieger als unumstösslich zu stempeln, um bei vorkommen- den Deutungen, deren Inhalt er selbstverständlich den Seher nicht allzuschwer errathen liess, für sich und seine Soldaten eine unabweisliche Nöthigung des Schicksals vor sich und hinter sich zu haben. Es liegen nur wenige Fälle vor, wo wir dem beliebten Wahrsager selbstständige Schick- salsverkündigungen zutrauen dürfen. Aber eben diese beweisen am augenfälligsten, wie wenig Alexander bei Berücksichtigung der Zeichendeuterei die„Religiosität“ leitete. Hätte ihn dieses edle Motiv einzig und allein beseelt, so hätte es unmöglich vorkommen können, dass die Zeichenaus- legung ihm hie und da ungenehm war und dass er derselben entgegenzuhandeln sich die Freiheit nahm. Damit widerlegen sich denn auch die Deklamationen, welche Curtius über die Superstition seines Hel- den öfter zu wiederholen sich gefällt²). Einmal bei dem schwierigen Uebergange über das Gebirge, welches sich zwischen dem Lande der Uxier und der Perser hinzieht, scheinen Frager und Deu- ter rathlos gewesen zu sein. Die dessfallsige Stelle bei Curtius ist bezeichnend und lautet?): Tum castris undique aperto loco positis, non consultare modo, quid agendum esset, sed vates
1) Plut. Alex. 31. Curt. IV, 48, 15. ²) Plut. Alex. 39. Curt. IV, 59. Geier S. 201. 3) Plut. Alex. 25. ¹) Gurt. III, 2C, 10. V, 13, 1. VII, 30, 31 u. s. w. *) Curt. V, 13, 1. . 11


