Aufsatz 
Alexander der Große, der Sohn des Jupiter Ammon / Franz Bluemmer
Entstehung
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Doch prüfen wir den Inhalt aller dieser Erzühlungen näher. Sie enthalten die Fragen, welche Alexander an den Gott richtete, und die Antworten, welche dieser ihm zu Theil werden liess. Zwei derselben haben alle Berichterstatter in ihren Quellen gefunden und ohne an den eben erwähnten Verdachtsgrund zu denken, als zu Recht bestehend in ihre Ueberlieferung aufgenom- men. Was die erste Frage betrifft, so soll dieselbe offenbar durch die hervorgerufene Antwort der Menschheit den Fragenden als den von dem Schicksal bestimmten Herrn der Erde verkünden, gegen den jeder Widerstand vergebens sein werde, vor dem vielmehr im Staube ihres Antlitzes alle Völker sich beugen müssten So verräth Inhalt und Tragweite derselben nur zu leicht die hilfreiche und erfinderische Phantasie eines dienstfertigen Literaten, dem die Begrüssung seines Ilerrn als des Gottes Sohn zu schwach geklungen und der erst in der bombastischen Verkün- digung der Consequenzen dieses einfachen Wortes seine Genugthuung fand. Auch die zweite Frage trägt ihre Unächtheit an der Stirne. Oder wer könnte glauben, dass der kluge Alexander so naiv gewesen sei ¹), einen Augenblick darauf, nachdem er zum Sohne Gottes erklärt worden, die Erinnerung an seinen menschlichen Vater wachzurufen? Und ausserdem wusste ja der auf seine Herrschaft eifersüchtige König Macedoniens nur zu gut, dass noch ein Sprössling aus dem Hause der Lyncestier lebe, von welchem Curtius erzählt ²): A duobus indicibus delatus, tertium jam annum custodiebatur in vinculis. Eundem in Philippi quoque caedem conjurasse cum Pausania pro comperto fuit, und den er nach Arrian ³) schon im Winter 334 335 gefangen genommen, also im Augenblick in sicherm Verwahr hatte, als er diese Frage gethan haben soll. Freilich liess sich von Seiten der Erfinder dieser Erage in der Antwort des Gottes im Interesse des freigebigen Herrn aufs Neue die Versicherung der göttlichen Abkunft desselben und einar* tryos und aviuros anbringen.

Ausser diesen beiden Vorkommnissen im Heiligthum wissen Curtius und Justinus noch von einer dritten Frage und Antwort zu erzählen, welehe von den Freunden des Königs an den Gott gethan und von diesem gegeben worden sei. Abgesehen davon, dass die beiden Geschicht- schreiber in Pezug auf Critik nicht in besonderem Ansehen stehen, sieht Jedermann auf den ersten Blick, wie nahe es lag, diesen Zusatz zur Abrundung des Fragensystems hinzuzufügen, so dass man sich wahrlich wundern müsste, wenn, falls denn einmal gefragt werden sollte, diese Frage fehlte. So wird dieselbe dem Unbefangenen alsbald als Flickwerk erscheinen, das post festum hinten her kömmt, den Umstand nicht in Rechnung gebracht, dass es geradezu einer Abschwä- chung und Beeinträchtigung der Autorität des Orakels und der Würde des Königs gleich sieht, wenn die Diener eines mächtigen Herrn der Gottheit gleich nahe treten, wie der Herr selbst.

So wären denn alle dem Orakel des Ammon bei dieser Gelegenheit vorgelegten Fragen und alle dadurch veranlassten Antworten ins Reich der Erfindung und der Fabel zu verweisen. Gleiches Schicksal muss demnach auch eine andere Frage erfahren, von welcher uns von einem späteren Schriftsteller gemeldet wird, dass der wissbegierige König sie an den Gott gerichtet habe.

¹) Parthey a. a O. S. 166 sagt:Es ist ein charakteristischer Beweis von der glücklichen Unbefangen- heit, des jungen Königs, dass er gleich darauf, nachdem er eben erst zum Sohne des Zeus gemacht worden war, sich erkundigte, ob alle Mörder seines Vaters von der gerechten Rache getroffen seien. Ebenso spricht es für die Ueberlegung und Geistesgegenwart des alten Tempelvorstehers, dass er diese Frage fast mit Entrüstung zurückweist und ihm nur die bestimmte Versicherung gibt, dass von den Mördern des Königs Philippus keiner entronnen sei.

²) Curt. VII, 1, 6. Vgl Anm. von Mützell.

3) Arr. I, 25. 3