Aufsatz 
Alexander der Große, der Sohn des Jupiter Ammon / Franz Bluemmer
Entstehung
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12 grossen Reiches einzudringen und sich auf den Thron des gestürzten Darius zu setzen. Obgleich er an dem Gefühle seiner Ueberlegenheit sich es hätte genügen lassen können, so vermochte er doch den Gedanken nicht zu ertragen, einer Eigenschaft zu entbehren, deren Mangel ihn dem Volke als a,³νοσσα erscheinen liess, und in seinem praktischen Blicke die Gewalt nicht unterschätzend, welche eine mehrere Jahrhunderte lange Gewohnheit auf das Herz eines Volkes ausübt, hielt er es zur Regierung desselben für erspriesslich, wenn auch als Sohn des halbthierigen stierköpfigen Ammon, doch wenigstens als eine Gottheit seinen künftigen orientalischen Unterthanen entgegen- treten zu können. Welch grosse Stücke er auf dieses Regierungsmittel späüter gehalten, und mit welcher Beharrlichkeit, um nicht zu sagen Lächerlichkeit, er den halbbarbarischen Völkerschaften gegenüber diese seine politische Charlatanerie durchgeführt, werden wir bald zu zeigen Gelegen- heit haben.

Was nun endlich die Griechen betrifft, so legten ihrem klugen Führer sicherlich viele Umstände den Gedanken nahe, auch auf sie einen geistigen Druck üben zu können, wenn er durch Ammons Mund als von göttlichem Stamme der Welt verkündet würde. Wie oben bereits er- wähnt, war Ammons Orakel auch bei den Griechen hochgeehrt und Ammon ward von diesen als Jupiter genommen; der Sohn Ammons musste demnach in ihren Augen als Sohn Jupiters gelten, wie wir denn auch später sehen, dass hellenische Schmeichler ihrem Herrn des Zeus Eigenschaf- ten beizulegen versuchen, z B. das Donnern. Auch war der Geist der damaligen Zeit darnach angethan, einem Manne von den ausgezeichneten Gaben, wie Alexander sie in sich vereinigte, und dazu noch einem Manne wie Alexander, der von seiner auf die Menschen mächtig wirkenden Präponderanz nur zu fest überzeugt war, von einer derartigen Charlatanerie den besten Erfolg zu versprechen. Oder könnte man glauben, dass er die von Arrian zu seiner Entlastung angeführten Halbgötter, einen Minos, einen Aeakus, einen Rhadamanthys nicht sollte gekannt, dass er die schwache Seite seiner Zeit nicht sollte erfasst haben? Hören wir, um die für Alexanders Plan günstigen Momente uns vorzuführen, die treffliche Schilderung, welche uns Droysen von densel- ben gibt ¹):Längst war die alte Religiosität, der Glaube an Orakel, Opfer und Götter erschüttert; gebildet zu sein galt höher, als tugendhaft sein; Frivolität, Selbstsucht und die Begierde, sich irgendwie hervorzuthun, das waren die bewegenden und massgebenden Richtungen in dem Leben der Einzelnen, das die Leidenschaften, die so lange jede Vereinigung gehindert und die Zerwürf- nisse immerfort gesteigert hatten, bis Alexanders Züge jeder Kraft und jeder Begierde ein unend- liches Feld erschlossen. Fortan wetteiferte der Grieche mit jedem Asiaten in Ueppigkeit und Unterwürfigkeit; Rhetoren, Poeten, Witzlinge, wie sie waren, gefielen sie sich in Phrasen, wie sie auf die Helden von Marathon und Salamis, auf Heroen, wie Perseus und Herakles, auf die Siege des Bacchus und Achilles zu wiederholen aus der Mode gekommen war; sie erhoben den Helden- könig mit allem Uebermass der Rhetorik und ihres gewissenlosen Leichtsinnes; die Ehren der alten Heroen und des Olymps mussten zum Preise des mächtigen Herrschers dienen. Denn längst hatten die Sophisten gelehrt, dass alle die, zu welchen man wie zu Göttern betete, eigent- lich ausgezeichnete Kriegshelden, gute Gesetzgeber, vergötterte Menschen wären; und so gut manches Geschlecht sich von Zeus oder Apollon abzustammen rühmte, ebenso gut könne ja wieder der Menschen Einer durch grosse Thaten wie einst Herakles in den Olymp kommen, oder wie Harmodios und Aristogeiton heroischer Ehren theilhaftig werden. Ohne Beispiel war dergleichen nicht; der lahme Spartanerkönig Agesilaus war zwanzig Jahre früher von den Thasiern mit Tempel

¹) S. Droysen Geschichte Alexanders des Grossen S. 347.