11 und wie Osiris, ihr Vorbild, von Ammon an Sohnes Statt angenommen war. Den Griechen schien dies unerhört. Allein ebenso wurden später die ägyptischen Könige aus dem Geschlechte der Ptolemäer zu Memphis im Tempel des Vulkan, damals die heiligsten des Landes, zu Söhnen der Sonne geweiht: denn nach der Lehre von Heliopolis und Memphis war Osiris ein Sohn der Sonne.“ Mützell setzt noch die Schilderung einer solchen Einweihungsscene nach einer Sculptur im Palast von Karnak aus der Description de l'Egypte chap. IX, Sect. VIII. T. 2. p. 467, 468 hinzu, wobei wir ausserdem in Bezug auf die spätern Ptolemäer an die Beschreibung einer Einweihung der Art im Pseudo-Callisthenes, und an die zu Rosette aufgefundene im britischen Museum sich befn- dende Basaltsäule mit dreisprachiger Inschrift erinnern, worüber Schlichtegroll in einer Vorlesung in der Münchener Academie(1818) sich des Näheren verbreitet hat. Wenn von diesem früheren Landesbrauche der kluge Alexander, von dem Niebuhr ¹) sagt:„Er hatte den Blick des Sehers, der auch Napoleon so sehr eignete“, Kunde hatte, was aus manchen Gründen denkbar ist, so wird er zweifelschne diese Gelegenheit wahrgenommen haben, den Aegyptern mehr zu werden als der eifrige Verehrer ihrer Idole; er konnte durch Ammons weihevollen Ausspruch so zu sagen als ein Bekannter vor dem Volke da stehen, in welchem das alte glorreiche Pharaonengeschlecht neu erstanden und die Herrlichkeit der guten alten Zeit nach der verwünschten Unterbrechung durch die verhassten Perser wieder ihre Fortsetzung erfahren. Allerdings geben uns die Quellen nicht die geringste Andeutung davon, dass eine derartige Tradition bestanden und dass der neue Machthaber sich beeilt, die Inthronisationsetikette des Landes zu erfüllen; allein einestheils waren sie zu unbekannt mit den landesüblichen Institutionen, um den fein gesponnenen Plan ihres Helden zu durchschauen, andererseits ersieht sich aus ihrem Stillschweigen, dass diese Angelegenheit nicht als eine öffentliche betrieben, und dieselbe lediglich von dem scharfsichtigen Alexander nebenbei in aller Stille mit in Berechnung gezogen wurde.
So ward also der kühne Griff nach der Vaterschaft des Ammon ohne Zweifel mit Rück- sicht auf Aegypten gethan, wo er bei der grossen Verehrung dieses Landes für den Gott nicht ohne Wirkung bleiben konnte. Dass der zum Gottessohn erklärte Beherrscher des Landes in demselben von seiner neuen Würde durch irgend einen Befehl praktische Anwendung gemacht. lesen wir nirgends. Sein Aufenhalt daselbst war jedenfalls zu kurz, als dass es sich der Mühe verlohnt hätte, durch ein Edikt zur Darnachachtung seine Erhöhung männiglich bekannt zu geben; es machte dies der Zukunft vorbehalten bleiben. Vor der Hand war das Lob der Priester und ihre Mahnung zum Gehorsam eine Nachrede, welche er sich hinter dem Rücken gefallen lassen konnte
Aber auch auf die Perser und die andern Völker des Orients war die Göttlichkeit, mit wel- cher Alexander im Begriffe stand, sich von Ammon ausstatten zu lassen, klug berechnet. Zwar verachteten diese das ägyptische Volk wegen seines Thierdienstes, über welchem sie als Feuer- und Sterndiener erhaben standen; aber auch sie erblickten in ihren Königen göttliche unnahhare Wesen, vor denen der Unterthan in den Staub seines Antlitzes sinken und vor deren Machtgebot jeder Widerstand verstummen musste. Und diese Verkörperung der Gottheit in dem jedesmaligen Machthaber war dem Volke so ins Fleisch gewachsen, dass es sich denselben als Menschen zu denken schlechterdings nicht im Stande war. Das wusste Alexander aus den Schilderungen der griechischen Geschichtschreiber recht gut. Zwar hatte derselbe als einfacher König von Macedonien lüngst schon mit den Persern unblutige und blutige Bekanntschaft gemacht und seinem Namen be- reits Senigendo Geltung zu verschaffen gewusst. Aber jetzt beabichtigte er in das Herz ihres
¹) a. a. O. S. 421.


