Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des französischen Unterrichts in Deutschland / von Karl Dorfeld
Entstehung
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Diesem grammatischen Betrieb, der in der Folgezeit immer mehr Ausbildung erfuhr, wurde von Informatoren gehuldigt, die neben anderm Unterricht auch französische Stunden erteilen muſsten. Wenn es verständige Leute waren, so machten sie es wie Dinters Privatlehrer;¹ nachdem die Rudimente der Grammatik abgehandelt waren, gingen sie zur Lectüre über, da sie ja bei ihrer mangelnden Vorbildung nicht mehr zu bieten vermochten. Aber auch an Schulen, denen es an Fachlehrern fehlte, fand diese Methode Eingang. Auſser den Belegen, die uns hierfür S. 13 ff. aufgestoſsen sind, verweise ich auf die braunschweigische Schulordnung von 1755, in der es heiſst: In der so genannten realschule soll das französische, englische und italienische in zwo verschiedenen classen, als einer für die anfänger und einer für die geübtern, auf eben diese weise, wie es nachher von der lateinischen und griechischen sprache vorge- schrieben stehet, gelernet werden. Ich unterlasse es vorderhand, die Lehrbücher, die diese Grundsätze mehr oder minder zur Anschauung bringen, zu characterisieren, und begnüge mich mit einem Hinweis auf den bekannten, weit verbreiteten Meidinger(1783), 3 der neben der Er- lernung der grammatischen Regeln durch ihre sofortige reichliche Verwendung in Einzelsätzen auch die praktische Seite auszubilden versprach, in der That aber letzteres nicht zu erfüllen vermochte.

Gegen ihn kämpften zahlreiche Gegner an. Der lauteste unter ihnen war Debonale, der jedoch nichts Originelles aufweist, wenn man davon absieht, dals er den Unterricht mit den Zahlwörtern beginnen wollte und einige Finessen der Aussprache besonders pflegte. Im schroffsten Gegensatz zu Meidinger standen die Bücher von De La Veaux 4 und der mehrfach von letzterem abhängige Hezel. Die Methode, die dieser im Anfangsunterricht beobachtet zu sehen wünschte, will ich noch zum Schluſs vorführen, da sie viel Verständiges und für uns Brauch- bares enthält. Vor allen Dingen verlangte Hezel, dals man das Ohr des Schülers an die Aus- sprache gewöhne. Deshalb trug er ihm einen kurzen Satz laut und deutlich vor und erklärte ihm denselben in seiner Muttersprache. Dann sagte er die einzelnen Wörter französisch und deutsch und lieſs letzteres vom Schüler wiederholen, damit er sähe, welche deutsche Wörter und wie sie den französischen entsprächen. Zuletzt gab er den Satz noch mehrere Male Fran- zösisch, um sich zu überzeugen, daſs derselbe sowohl im ganzen wie in seinen einzelnen Teilen richtig aufgefaſst war. So oft später dagewésene Wörter vorkamen, wurde auf die früheren Sätze zurückgegriffen. Ehe er in der nächsten Stunde weiterging, wurde das Pensum der vor- hergehenden wiederholt; ebenso am letzten Wochentag das Wochenpensum und am Ende des Monats das bis dahin Durchgenommene. Bis jetzt hatte der Schüler sein Ohr nur an die gute Aussprache des Lehrers gewöhnt, selbst aber noch keinen französischen Laut gesprochen. Nach einiger Zeit erfolgte die ibung des Auges und der Sprachorgane. Hezel lehrte ihn an den Texten, die er schon fast auswendig wuſste, lesen, was natürlich sehr rasch ging. Wurde ein Fehler dabei gemacht, so wurde auf die Aussprachetabelle verwiesen; im übrigen wurde die erste Ibung fortgesetazt. War einigermaſsen Geläufigkeit im Lesen erreicht, so wurden die

1 Stephan pag. 114.

² Koldewey I pag. 352.

3 Eine Geschichte der Meidingerschen Grammatik ist von einem Schüler des Herrn Prof. Stengel in Angriff genommen..

Verhandlungen des 4. Neuphilologentags pag. 15. Wie weit Hezel mit De La Veaux übereinstimmt, ver- mag ich bis jetzt nicht anzugeben, da mir eine Ausgabe des letzteren noch nicht zu Gebote stand.