29 behandelten Stücke mündlich retrovertiert. Da ihre Stoffe nur dem gewöhnlichen Leben ent- nommen waren, erreichte man es, daſs die Schüler Gesprochenes verstanden und selbst zu reden anfingen. Nach einiger Zeit setzte die Grammatik ein, die jetzt ein Interesse für die Schüler hatte, da sie bereits vieles unter der Hand gelernt hatten. Gingen ihnen die grammatischen Grundbegriffe ab, so sollten ihnen dieselben erst an der Muttersprache klar- gemacht werden. Für die Durchnahme der Grammatik gab Hezel eine Reihe wertvoller Winke: Beschränkung auf das Notwendigste, Wahl zweckmäſsiger Paradigmen, Conjugieren in ganzen Sätzen u. s. w. Nun begannen auch die schriftlichen Arbeiten, die meist Rückübersetzungen, seltener Extemporalien über den grammatischen Stoff waren.— Sicherlich sind mit dieser Lehr- art, soweit die praktische Verwendbarkeit der Sprache in Betracht kommt, bessere Resultate als mit Meidinger erzielt worden.
Was nun noch die Unterrichtserfolge betrifft, so kann ich mich hierüber sehr kurz fassen. Bei einem tüchtigen Lehrer, dem die Schüler mit Fleiſs und Aufmerksamkeit entgegenkamen, werden auch damals Früchte nicht ausgeblieben sein, aber im allgemeinen war das Ergebnis ein recht geringes, wie es bei der Vorbildung der Lehrer nicht anders zu erwarten stand. Von dem Ostern 1773 am Pädagogium zu Bützow abgehaltenen Examen wird uns berichtet, daſs es im Französischen, Englischen und Italienischen noch sehr gefehlt habe, und ein Gleiches hören wir vom Collegium Fridericianum zu Königsberg. ² Nicht erfreulicher ist das, was der verdienstvolle Forscher der braunschweigischen Schulgeschichte zu erzählen weiſs, 3 und es gilt vielfach für den öffentlichen Unterricht, was Stephan von der häuslichen Erziehung sagt:„Wenn die Erfolge auch noch so gering waren, und das Resultat jahrelanger Qual nur darin bestand, daſs die gute deutsche Sprache mit einigen Brocken aufgeputzt werden konnte, so war doch die Ehre gerettet.““ Wahrlich eine traurige Zeit, von der wir den Schleier nicht weiter ziehen wollen!
Aus dem Vorstehenden wird man ersehen, daſs die Forderungen der letzten Jahre: Erst das Ohr, dann das Auge, Ausgehen von zusammenhängendem Lesestoff, der dem täglichen Leben entnommen ist, zunächst Sprachgefühl, später erst Sprachbewulstsein, und wie sie alle heiſsen, des Reizes der Neuheit entbehren. Es wird nun die nächste Aufgabe sein müssen, das Bild der unterrichtlichen Behandlung zu vervollständigen und dabei festzustellen, welche Lehr- arten sich überhaupt nicht bewährt haben, oder an welchen Auswüchsen sie zu Grunde ge- gangen sind, zugleich aber auch klarzulegen, was in methodisch-didactischer Hinsicht noch für uns wertvoll ist. Dann dürfte vielleicht der Ubelstand beseitigt werden, daſs ein oder die andere Theorie, die in der Praxis schon längst die Probe ihrer erfolgreichen Durchführbarkeit nicht bestanden hat, uns immer von neuem als eine Panacee gegen die Gebrechen unsres Unterrichtswesens empfohlen wird.
¹ Hölscher pag. 23.
2 Rethwisch pag. 158.
3 Koldewey I pag. CXLVI. 4 Stephan pag. 8.
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