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Die Morgenröte einer neuen Zeit schimmert uns entgegen aus dem Lehrplan des fürst- bischöflichen Gymnasiums zu Worms, das der Mainzer Kurfürst Emmerich Joseph von Breid- bach 1773 errichtete. Durch diesen wurde den Bedürfnissen der Zeit mehr Rechnung getragen, und neben andern Erfordernissen von dem, der sich dem gelehrten Stand widmen wollte, verlangt„daſs er die französische Sprache rein, flieſsend und nach dem ihr eignen Accente sowohl spreche als nach den Mustern der besten französischen Schriftsteller schreibe.“ Von gesunder Einsicht zeugt das, was der Lehrplan hinsichtlich der Behandlung enthält:„Jeder, der sich der Irrwege, die er selbst gewandert ist, erinnert, wird den Beifall dem unumstöſslichen Grundsatze nicht versagen, daſs alle Grammatiken von dem ersten Unterrichte in einer Sprache gänzlich zu entfernen und erst dann vorzulegen seien, wenn der Schüler in der neuen Sprache schon mit einiger Festigkeit bewandert und eine beträchtliche Zeit hindurch darin geübet ist.“ Demnach wurde die Grammatik in der 5. und 6. Klasse,¹ die täglich eine Stunde Französisch hatten, nicht berücksichtigt; erst in den beiden folgenden Klassen erhielten die Schüler theo- retische Belehrung. ²
Freundlich stand den neuren Sprachen auch die Kurfürstl. Sächsische Schulordnung(1773) gegenüber. Ernesti wünscht, daſs„bey allem Unterrichte in den alten Sprachen, doch die Er- lernung der neuern, als der französischen, italiänischen und englischen, deren Kenntniſs nun- mehro zu einer vollständigen Gelehrsamkeit sowohl, als zu dem Umgange mit der Welt so unentbehrlich geworden ist, wenigstens so viel die Grundsätze und erste Anleitung zum Lesen der besten Schriften anlangt, keineswegs verabsäumet, sondern, wo Sprachmeister dazu vor- handen sind, die Jugend zu sorgfältiger Abwartung der Lehrstunden ermahnet, von Erlangung dieser Sprachkenntnisse, durch Verachtung der neuern Sprachen, aus Vorurtheil für die ältern, niemals abgehalten werde.“ ³
Als gemeinnützige Sprache für die Schüler aus gesitteten Ständen wurde das Französische von Basedow angesehen und neben dem Deutschen und Lateinischen im Philanthropinum zu Dessau gepflegt. Und zwar sollten nach dem Methodenbuch die Kinder im 7. und 8. Jahr beim Sachunterricht doppelt so viel hören, lesen und sprechen als in der Muttersprache; bis zum zwölften sollte dem Lateinischen die Hälfte der Zeit gewidmet werden und den beiden andern je ein Viertel, während von da ab bis zum fünfzehnten alle in gleicher Weise berück- sichtigt wurden. Im Philanthropin hatten die beiden oberen Klassen von Montag bis Freitag 2 Stunden täglich Übungen in der französischen Sprache, womit Universalhistorie verknüpft war, die dritte Klasse hatte 12 Stunden und die vierte 6.“ Die Methode zeigt Khnlichkeit mit derjenigen, die wir am fürstbischöflichen Gymnasium zu Worms kennen gelernt haben. Die Grammatik wurde aus dem Anfangsunterricht verbannt, durch Gespräche und durch den Sachunterricht wurde der Zögling mit dem fremden Idiom vertraut, und wenn er schon vieles infolge bloſser Übung verstand, wurden einige regelmäſsige und unregelmäſsige Paradigmata gelernt. Wir glauben uns in den Unterricht der heutigen Reformer versetzt, wenn wir in Professor Schummels Schriftꝰ lesen, daſs auf dem Examen 1776 der Lehrer mit den jüngeren Philanthropinisten französisch über ein Frühlingsbild sprach.
¹1 Die Klassen waren halbjährig.
² Becker pag. 211 f.
3 Vormbaum III, 629.
4 Basedows ausgewählte Schriften ed. H. Göring pag. LXXXIII f.
5 Schummel, Fritzens Reise nach Dessau pag. 49, 70(Neudrucke pädag. Schriften ed. A. Richter VI.)


