Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des französischen Unterrichts in Deutschland / von Karl Dorfeld
Entstehung
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Unter Nachtigals Direction(von 1800 an) hatte die erste Klasse, die dreijährig war, 2 Stunden Lectüre nach Idelers Handbuch und 2 St. Schreibübungen, aulserdem privatim 6 St. Sprache und Lectüre; die zweite Klasse, die anderthalbjährig war, 2 St. Lectüre und 2 St. Schreiben, die dritte, die einjährig war, 2 St. Lectüre nach Gedike, 2 St. Grammatik und die vierte Klasse 4 St.(Gedike).¹ 1746 kamen Französinnen auch nach Helmstädt, um Unterricht zu geben. Sie fanden Unterstützung von seiten des Herzogs Karl, der anordnete, daſs ihnen aus der Kämmereikasse 20 Thlr., von der Universität 10 Thlr. und der freie Tisch aus dem Con- victorium gegeben werde. Später wurde ihnen diese Vergünstigung entzogen, obwohl ein Magistratsmitglied geltend machte, daſs Französinnen für das Publikum notwendig wären, da die meisten nicht die Mittel besäſsen, eigene Französinnen oder Sprachmeister zu bezahlen und Französisch nach der jetzigen Lebensart unbedingtes Erfordernis wäre. In der Schulordnung des Herzogs Karl(1755) ist Französisch nicht als öffentliches Unterrichtsfach verzeichnet, in- dessen dürfen wir aus französischen Valedictionsreden schlieſsen, daſs der Privatfleiſs sich dieser Sprache zuwandte. Und wie würe dies anders möglich, wenn ein Rector(Ballenstedt 1773) es als seine Ansicht ausspricht: ut quicunque literas antiquas cum recentioribus non conjungat nec in his aeque ac in illis versatus sit, partes sibi impositas parum tueri possit. ² Unabhängig von der Schule, mehr auf privatem Weg? müssen noch viele in jener Zeit sich die Kenntnis des Idioms unsres Nachbarvolkes erworben haben. Wir hören z. B. von keinem französischen Unterricht an der Lateinschule zu Verden. Aber Schnering, der auf dieser Schule erzogen wurde und 1742 Konrector hier wurde, gab im Jahr vorher La vie et les aventures de Laparille de Tormes heraus, später Les évangiles pour les dimanches(Lipsiae 1751). 4 Ein anderes Beispiel für Privatunterricht bietet in Frankfurt a. M. Roland, der sich niedergelassen hatte à enseigner le français et le dessin, de même qu'à former les enfants aux bonnes moeurs et aux bonnes manidres. Gegen die französischen Schulmeister Bedart und Foly und den Rector des Gymnasiums, Albrecht, dem er viele Schüler aus den vornehmen Familien entzogen hatte, hatte er einen harten Kampf zu bestehen, aus dem er scheinbar als Sieger hervorging. Auch der berühmte Director des Johanneums, J. Gurlitt, war bei seinem Eintritt in die Thomasschule(Ostern 1762) durch Privatlehrer im Französischen vorbereitet. Bedeutungsvoll wie für die Geschichte der Püdagogik überhaupt ist das Jahr 1747 auch für die Geschichte des neusprachlichen Unterrichts. Einsichtsvolle Männer hatten gesehen, daſs gar mancher Knabe, der kein Interesse für Latein zeigte, weil er es später nicht brauchte, bis zu seinem Austritt nur im Katechismus, Rechnen und Schreiben Unterricht erhielt und von

¹ A. Richter, Beiträge zur Geschichte des Stephaneums zu Halberstadt. Festschrift 1875 pag. 37, 60 ff.

² W. Knoch, Geschichte des Schulwesens, besonders der lat. Stadtschule zu Helmstdt 2. Teil Gymn.-Progr. 1861 pag. 14 f. 42.

3 ÜUber Privatunterricht, dem in jener Zeit eine hohe Bedeutung zukommt, vgl. Stephan, pag. 113 f.

¹ Bis 1754 erteilte Schnering Privatunterricht. Als er in diesem Jahr wegging, wurde der Sprachmeister André Cholet für 75 Thlr. jührlich angenommen, um von Ostern bis Michaelis nach einer gedruckten Grammatik täglich eine Stunde die Schüler, die es wünschten, die Anfangsgründe der Sprache zu lehren und im Winterhalb- jahr Télémaque zu lesen. Später übernahm er eine Wirtschaft vor dem Osterthor zu Bremen, und an seine Stelle trat der Sohn eines Pariser Parfümeriehändlers, Paul de Laporte, der sich aber nicht lange halten konnte, weil er auf dem Structurboden Korn stahl. Vgl. D. Sonne, die beiden ersten Jahrhunderte der lateinischen Domschule zu Verden. Gymn.-Progr. 1878 pag. 49, 55 ff.

5 Eiselen pag. 14.

6 R. Hoche, Beiträge zur Geschichte der St. Johannisschule in Hamburg 2. Teil Progr. 1878 pag. 23.