Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des französischen Unterrichts in Deutschland / von Karl Dorfeld
Entstehung
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während auf einer benachbarten wir ihn erst viel später antreffen, sei es, daſs keine Lehrkraft vorhanden war, sei es, daſs ein anderer Grund vorlag. Bei der Einführung dieses Faches können wir im Anfang fast durchgängig die Beobachtung machen, daſs Schulen solcher Orte das Französische pflegten, an denen die Bedürfnisse des Adels es erheischten, soweit derselbe nicht die Ritterakademieen besuchte oder eine Privaterziehung genoſs. Sie wurden dann wieder für andere Anstalten Veranlassung, sich nicht abschlieſsend zu verhalten.

Daſs die akademischen Gymnasien(gymnasia illustria), die zum Teil bald nach dem Krieg entstanden wie Hamm 1657, Baireuth 1664 u. s. w., neben einem Fecht- und Tanzlehrer auch einen Sprachmeister zu bekommen suchten, ist leicht erklärlich. Ich erwähne an dieser Stelle nur Stuttgart, weil hier M. F. Bartol aus Mömpelgard, Prediger an der französischen Kirche, seit 1686 auſser den 3 wöchentlichen Stunden am oberen Gymnasium auch 3 in Klasse V und VI des unteren gab. ¹ 1690 wurde wegen der adligen Schüler in Gera der Sprachlehrer la Maire angenommen. ²* 1696 erteilte in dem Auditorium publicum zu Erlangen, das meist Adlige, aber auch Bürgerliche besuchten, L. Caffard, der später Sprachmeister zu Gera, Stargard und Jena war, Unterricht in den neueren Sprachen. ³ 1698 führte Francke das Französische am Pädagogium als freiwilligen Unterrichtsgegenstand ein, der jedoch besonders honoriert werden muſste. Es ist seither Sitte gewesen, die Einrichtung französischer Unterrichtsstunden Francke als etwas besonders Verdienstliches in Anrechnung zu bringen. Dem kann ich nicht beistimmen. Denn dieses Fach fand nur am Pädagogium eine Stätte und auch dann erst, nachdem es 1697 von der lateinischen Schule getrennt worden war. In der letzterenfür mehrentheils einhei- mische Bürger-Kinder, welche zum Studiren erzogen werden, hören wir von dem Betrieb einer modernen Sprache überhaupt nichts. Daſs aber das erstere, in welchesLeute von Condition ihre Kinder schickten, die fast allevon fremden, teils weit entlegenen Orten waren und auf ihrerEltern Kosten erhalten wurden, eben aus Rücksicht auf diese Zöglinge dem Fran- zösischen Pflege angedeihen lassen mufste, wird man nach dem Vorausgegangenen leicht be- greiflich finden. Von Wichtigkeit ist diese Anstalt aber, weil man hier versuchte, den Nach- teilen, die sich aus der Maftrewirtschaft ergaben, nach Möglichkeit vorzubeugen.

Aus der Ordnung und Lehrart des Pädagogiums von 1702 erfahren wir, daſs die fran- zösische Sprache, die auſserordentlich getrieben wurde, wöchentlich mit 12 Stunden in 2 Klassen gelehrt wurde. Die Methode, die für den gesamten sprachlichen Unterricht die gleiche war, schloſs sich ans Lateinische an. Die eine Klasse tractierte morgens von 67 das französische neue Testament, während die andere in derselben Zeit französische Briefe fertigte. Von 78 lasen dann die letzteren Bongars Epistolae Gallicae, und die andere Abteilung arbeitete schrift- lich. 6 Die Grammaire françoise von Louise Charbonnet, der Lehrerin und späteren Vorsteherin der Schule für Töchter adliger und anderer vornehmen Leute, wurde beim Unterricht benutzt, in dem das Sprechen des fremden Idioms stark betont wurde. Da ein Schüler nicht mehr als

1 Holzer, Beiträge zur Geschichte des Gymnasiums in Stuttgart. 2. Abt. Gymn.-Progr. 1867 pag. 24.

R. Büttner, J. S. Mitternacht u. seine Wirksamkeit am Geraer Gymnasium. Gymn.-Progr. 1888 pag. 5.

3 Rücker, pag. 3.

* Vgl. H. G. Stemmler, Die pädagogischen Grundsätze und Ansichten A. H. Franckes. Jenaer Dissertation 1885 pag. 105.

Vgl. Braunschweig.(Koldewey, Braunschw. Schulordn. I, 286).

Franckes pädagogische Schriften ed. Kramer pag. 321.