9
1636 in Köln eine französische Predigt erwäühnt wird, die von den Jesuiten zu den bisherigen deutschen und lateinischen übernommen wurde, aber sonst hören wir von 1620 bis c. 1680 nichts von einer Entwicklung, wie wir sie ohne das Eintreten der groſsen politischen Ereignisse hätten erwarten dürfen. Dies änderte sich von dem letzten Viertel des 17. Jahrh. ab. Die tonangebende Stellung Frankreichs in staatlicher, litterarischer und gesellschaftlicher Beziehung* die gewaltigen Fortschritte auf wissenschaftlichem und industriellem Gebiete riefen in immer gröſseren Kreisen das Bewulstsein wach, daſs die Gelehrtenschule dem Zeitbedürfnis nicht mehr entspreche, und nötigten selbst einzelnen Schulmännern das Bekenntnis ab: non omnem sapientiam apud veteres reconditam esse, sed etiam inter hodiernos inveniri qui sensibus et ratione polleant(Christian Weise, Rector des Gymnasiums zu Zittau in der 2. Hälfte des 17. Jahrh.)
Scharf können wir den Umschwung in der Prinzenerziehung derjenigen Länder beobachten, die die Wandlung nicht bereits früher vollzogen hatten. Während die Arbeitsbücher der sächsischen Prinzen im 16. und 17. Jahrh. keine modern-sprachlichen Übungen aufweisen, finden wir am Anfang des 18. Jahrh. in ihnen das Französische vertreten. Lehrreich ist für uns das, was wir hinsichtlich der Behandlung erfahren. Redensarten werden gesammelt und aus ihnen dann ein Brief hergestellt; doch soll darin die verbessernde Hand des Lehrers stark bemerkbar sein. Auch Dictées mit Quartanerfehlern sind noch vorhanden. Auf die Sucht der Zeit, in die Conversation fremdsprachliche Ausdrücke einzumischen, um damit zu prunken, wurde Rücksicht genommen; denn wozu sonst Zusammenstellungen wie: Alles mit Gott und der Zeit= tout se fait avec dieu et le tems, ogni cosa si fa con dio et col tempo, todo con Dios y el tiempo, all in God and in pudding time u. s. w. ³
Wer weiſs, daſs vielleicht auf keinem Gebiet mehr als auf dem der Schule das Wort gilt: beati possidentes, wird ermessen, welche Kämpfe es gekostet haben mufs, bis die französische Sprache, zunächst als facultatives Unterrichtsfach, ihren Einzug in die höheren Lehranstalten halten konnte. Wird doch noch in den dreiſsiger Jahren des 18. Jahrh. in einem Bericht über die Einrichtung und Beschaffenheit des Straſsburger Gymnasiums, nachdem diese Stadt also bereits 50 Jahre unter französischer Herrschaft stand, behauptet, dals es nicht für einen Mangel anzusehen sei, daſs die Schüler nicht im Französischen unterrichtet würden, trotzdem man in der Stadt mehr diese Sprache als Deutsch spreche; denn auf einem Gym- nasium müſsten hauptsächlich die Dinge behandelt werden, die zur Gelehrsamkeit gehören. Da man für das Französische nicht die nötige Zeit finden könne, ohne die übrigen Disciplinen zu schädigen, und einen besonderen Lehrer hierfür zu bezahlen nicht im stande sei, so müsse dieses Fach dem Privatfleiſs überlassen bleiben.“ Aber dennoch konnte man diesem Gegenstand auf die Dauer die Pforte nicht verschlieſsen.
Wenn ich im folgenden meist nicht nach Ländern resp. Provinzen die Anstalten vorführe, sondern nach dem Jahre, in dem sie, soweit mir bekannt geworden, französische Stunden einrichteten, so geschieht dies deswegen, weil bei dem lückenhaften Material im ersten Fall die Vbersichtlichkeit nicht gewonnen hätte; zudem konnte eine Anstalt diesen Unterricht haben,
¹ H. Milz, Geschichte der Anstalt. Progr. des kath. Gymnasiums an Marzellen zu Köln. 2. Teil 1888 pag. 7. 2² Vgl. F. Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts pag. 328 ff.
3 Fietz p. 16 f.
4 Zwilling pag. 288. Das Elsafs habe ich im übrigen aus naheliegenden Gründen unberücksichtigt gelassen.
2


