18 Behandlung bringen, und der französische Lesestoff steht nicht mehr isoliert da, wie derselbe ja auch sonst mit dem übrigen Unterrichtsstoffe in Verbindung zu setzen ist. ¹
Ist das geschehen, so ergiebt es sich gegen Schlufs der Fabellektüre im Lateinischen, Deutschen und Französischen ganz von selbst, einiges über diese Dichtgattung im all- gemeinen aufzufinden. Nachdem das Wesen der Fabel als einer Lehrdichtung, worin meistens Tiere mit menschlichen Schwächen behaftet, redend auftreten, aus deren Erlebnissen und Schick- salen der mit den gleichen Mängeln behaftete Mensch die für ihn passende Lehre ziehen soll, an einer jeden Fabel aufgefunden worden ist, wird der Schüler leicht die Aehnlichkeit des Zweckes der biblischen Gleichnisse? finden. Wie nahe liegt es z. B. das Gleichnis vom barm- herzigen Samariter zur Vergleichung heranzuziehen, sodals man also von der ethischen Seite abgesehen, eine weitere Verknüpfung mit dem Religionsunterrichte erhält.
Aus der Parallelbetrachtung der Fabel in den drei Sprachen eröffnet sich aber dem Schüler auch ganz von selbst die wichtige litterar-historische Thatsache, daſs wir im Deutschen und Französischen nur Uebersetzungen aus dem Lateinischen haben. Der Schüler lernt durch das tägliche Sehen die Namen der Fabeldichter Lafontaine und Lessing kennen; ein groſser Teil der Klasse weiſs auch etwas von Gellert, und ein oder der andere Junge vermag eine von dessen Fabeln zu erzählen. Derart gewinnt man in IV. einen passenden Abschluſs der in den unteren Klassen vielfach behandelten Fabel und damit wiederum einen Ausgangs- punkt für die spätere Betrachtung in einer höheren Klasse.
Aber auch für den geschichtlichen Unterricht läſst sich an Phaedrus noch manche fruchtbare Erörterung anknüpfen. Ein oder der andere Schüler hat es schon gehört, daſs Phaedrus, dessen Lebenszeit wir mit der des Kaisers Augustus, also wie der Schüler aus der biblischen Geschichte weiſs, mit der Zeit von Christi Geburt zusammenfallend ansetzen, seine Fabeln nicht selbst gedichtet, sondern aus dem Griechischen des Aesop übersetzt habe. Gewinnt nun nicht durch das Wissen dieser einen Thatsache das oft inhaltslose Reden von der Herübernahme griechischer Bildung nach Rom, wowon der Schüler gehört, daſs es von der Scipionenzeit an in immer steigendem Malse geschehen sei, einen für jeden Schüler greifbaren Inhalt? Wird er sich dann nicht auch daran erinnern, daſs Cor- nelius Nepos bei der Abfassung seiner vitae das Geschichtswerk des Thukydides benutzt hat und ähnliches mehr? Eine der wichtigsten Einrichtungen das Altertums ist die Sklaven- wirtschaft. Der Schüler kennt zwar das Loos der Bewohner eroberter Städte, in die Sklaverei verkauft zu werden, er lernt den Betrieb der Ackerwirtschaft im römischen Reiche durch Sklaven kennen, in Kleons Gerberei und des alten Demosthenes Waffenfabrik sieht er die Sklaven als Fabrikarbeiter. Gelegentlich der Erziehung der jungen Athener hört er von den Paedagogen. Die gelehrte Seite des Sklaventums pflegt aber dem Knaben nicht recht einzu- leuchten. Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, ihm diese in der Person des Phaedrus zum Bewulstsein zu bringen, wenn man ihm mitteilt, daſs dieser ein Freigelassener, also früherer Sklave, des Kaisers Augustus gewesen ist. Jetzt wird es ihm nicht mehr fremdartig erscheinen, daſs man die Kindererziehung in Sklavenhand gelegt hat, daſs Sklaven die Bücherrollen abge- schrieben haben u. s. w., wenn es sogar Dichter unter denselben gegeben hat.
¹ Vergl. H. Schiller, Die einh. Gest. u. s. w. p. 63. ² Vergl. Jac. Grimm, Reinh. Fuchs p. XIII. 2 Them. I.


