Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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Aus Vorstehendem dürfte die Möglichkeit, Phaedrus in die innigste Verbindung mit den übrigen Lehrstoffen der IV. zu setzen, erwiesen sein. Und man wende nicht dagegen ein, die oben angeführten Erörterungen gingen über das Verständnis des Quartaners hinaus; daſs dies nicht geschehe, dafür hat der pädagogische Takt des Lehrers zu sorgen, der alles fern halten wird, was auf dieser Stufe nicht allen Schülern könnte klar gemacht werden, d. h. also jeden Stoff, der nicht im Wissen des Schülers geeignete Apperzeptionsstützen zu finden vermöchte.

Als Ergebnis dürfte m. E. aus unserer Betrachtung hervorgehen, daſs Phaedrus als Schul- schriftsteller weiterhin seinen Platz mit Recht behaupten darf. Die Bedenken der Gegner dürften sich, wie ich zu zeigen versucht habe, soweit sie wirklich vorhanden sind, auf metho- dischem Wege beseitigen lassen, da

1. ein achtwöchentlicher Betrieb der Dichterlektüre dem Prosaschriftsteller nicht ge- fährlich wird,

2. das grammatische Wissen auch am Dichter vertieft und erweitert werden kann,

3. die Schwierigkeit der Präparation durch gemeinsame Arbeit in der Schule sowie durch vorherige Lesung des Prosatextes zu beseitigen ist, und

4. sich die Kenntnis der wichtigsten metrischen Thatsachen unschwer an das dem Schüler bekannte Wissen anschlieſsen lälst.

Dazu kommt, daſs sich innerhalb eines nach konzentrischen Gesichtspunkten angeordneten Unterrichtes Phaedrus fast mit allen sonstigen Unterrichtsfächern in fruchtbare Verbindung bringen lälst, sodaſs er

1. ethisch mit dem Religionsunterrichte zusammengeht,

2. geschichtlich mit dem Leben der alten Welt in Verbindung steht,

3. litterarhistorisch sich mit dem Deutschen und Französischen berührt, und

4. metrisch seine Verknüpfung mit dem Unterrichte im Gesang und im Turnen findet.

Neben diesen Vorzügen bietet Phaedrus sogar noch in höherem Maſse als manche andere Schriftsteller das Gute, daſs er wegen der Möglichkeit einer eigenartigen Behandlung das Inter- esse der Jugend besitzt und den Schüler an der Hand des Lehrers zu selbstthätiger Arbeit herausfordert. Diese ist aber der Weg zur Bildung des Willens, worauf eine jede Erziehung als auf das letzte Ziel hinausarbeiten soll.