Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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en, UnlV.-Biol. Giossen

(Als Beilage zum Programm des Groſsherzoglichen Gymnasiums in Gieſsen 1890/91.)

Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration.

Von Dr. Karl Maurer,

Gymnasiallehrer.

Eine rationelle Didaktik wird nicht unterlassen dürfen die Unterrichtsstoffe von Zeit zu Zeit auf ihren inneren Wert zu prüfen und ihre Rechtstitel entweder zu erneuern, oder, falls sie verjährt erscheinen, nach den etwa neu hervorgetretenen Bedürfnissen abzuändern. In diesen Worten Fricksi liegt für einen jeden Lehrer, dem es um allseitige Entwickelung der geistigen und sittlichen Kräfte seiner Zöglinge zu thun ist, ein Wink auf ein weites, der Natur der Sache nach nie völlig zu erschlieſsendes Arbeitsfeld. Und er wird sich dieser Thätigkeit um so weniger entziehen dürfen, je mehr trotz täglicher Mehrung des Unterrichtsstoffes überall die Forderung nach Entlastung der Schüler erhoben, je mehr eine möglichste Kürzung der Unterrichts- und Arbeitszeit angestrebt wird, damit auch die körperliche Entwickelung der Jugend zu ihrem Rechte komme.

Es sei mir daher gestattet den Rechtstitel eines zwar historisch in der Schule überlieferten, aber von modernen Schulmännern vielfach angegriffenen Schriftstellers auf seine Giltigkeit in der heutigen Schule zu prüfen.

Als lateinischen Lesestoff der Quarta des Gymnasiums findet man neben den vitae des Cornelius Nepos die Fabeln des Phaedrus in den Lehrplänen Preuſsens, Badens, Hessens und Meiningens; von aufserdeutschen Ländern in denen Frankreichs, Italiens und der Niederlande. Aber trotz dieser offiziellen Befürwortung gehen die Meinungen über den didak- tischen Wert dieses Schriftstellers sehr auseinander. Am eingehendsten wurde die Frage, ob Phaedrus in der Gymnasialquarta zu lesen sei oder nicht, in den Verhandlungen der IV. Direk- toren-Versammlung zu Hannover 1885 besprochen. Bei weitem die meisten Gutachten sprechen sich hiers gegen jede Dichterlektüre in IV. aus. Es wird dagegen angeführt:Es fehle nach Einführung der neuen Lehrpläne dazu durchaus an Zeit, da das Latein in den drei unteren Klassen um je eine Stunde verkürzt sei. Wenn(Quarta auch durch den späteren Beginn des

1 Lehrproben und Lehrgünge XII. p. 1. ² Eckstein, Lat. u. Griech. Unterr. p. 278. 8 p. 135.