Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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Griechischen entlastet sei, so trete doch als neuer Lehrgegenstand Mathematik, desgleichen in Wahrheit auch die Geschichte hinzu, ferner sei durch Vermehrung der Stundenzahl für das Französische das Maſs der Anforderungen in dieser Sprache erhöht, im Latein seien bei ver- minderter Stundenzahl die Anforderungen in keiner Weise vermindert, der Quartaner habe den bedeutsamen Schritt von der Formenlehre zur Syntax zu thun und müsse dazu noch in die ihm anfangs so mühevolle Lektüre des Nepos eingeführt werden. Es werde ihm nicht möglich sein, in der eigentümlichen, durch den Dichter sich ihm erschlieſsenden Welt heimisch zu werden, weil die poetische Lektüre doch nur so nebenhergehen könne, den Reiz der Poesie werde er wahrscheinlich gar nicht, wohl aber die Plage der schwierigen Präparation empfinden; der ziemlich abweichende poetische Ausdruck werde nur die feste Einprägung der syntaktischen Regeln hindern, auch der Gedankeninhalt wenig auf Verständnis rechnen können; dem Nepos dürfe in IV. keine Zeit entzogen werden; wenn der Schüler an seinen Sätzen konstruieren lerne, so sei dies für die schwierigere, in III. an ihn herantretende Dichterlektüre die beste Vorbereitung, später würden bei entsprechend gröſserer Reife die Schwierigkeiten der poetischen Lektüre auch leichter überwunden, endlich sei IV. jetzt die gemeinsame Vorbereitungsklasse für Gymnasial- und Real-Tertia, in letzterer falle aber die poetische Lektüre überhaupt weg. Diesen Ausführungen schlieſst sich der Referent Direktor Dr. Capelle rückhaltslos an. ¹ Ebenso hat sich die VII. Direktoren-Versammlung zu Posen gegen jede poetische Lektüre in IV., also auch gegen Phaedrus, ausgesprochen. Weitere Gegner der Phaedruslektüre sind Schrader, demes kaum ratsam erscheint, schon in IV. den Phaedrus vorzulegen, sowie Oppen. Dieser führtdie völlig unzureichenden grammatischen Kenntnisse des Schülers und als weiteres störendes Moment die von der Prosa abweichende Wortstellung an.ö Diesen die Phaedrus- lektüre ablehnenden Aeusserungen gegenüber hat es auch nie ganz an empfehlenden Stimmen gefehlt. Die I. Sächsische Direktoren-Versammlung 1833 6 sowie die XI. Westfälische Direk- toren-Versammlung 1851 7 empfehlen als Quartalektüre Cornelius und Phaedrus. Aus jüngster Zeit beruft sich vor allem die Minorität der Stimmen auf der IV. Direktoren-Versammlung Hannovers darauf,daſs die Fabel als naive, aus einer ursprünglichen, kindlichen Zeit der Poesie herüberklingende, zur Phantasie unmittelbar sprechende und dieselbe anregende Dichtungs- form, hier in einer gewandten, sprachlich abgeglätteten, heiteren und anziehenden Form vor- getragen, für das kindliche Alter des Quartaners durchaus angemessen sei, daſs dadurch in die Lektüre als Gegengewicht gegen die Monotonie der Prosalektüre eine erwünschte Abwechslung komme, vor allem sei es eben ein Dichter, die dichterische Form werde so dem Schüler be- kannt und vertraut, er gewöhne sich an die schwierigere Weise des Konstruierens und werde auf die verwickeltere Aufgabe, sich mit Ovid abzufinden, vorbereitet; unsere Jugend besitze auch eine nicht gering anzuschlagende, nicht zu vernachlässigende Empfänglichkeit für diese

1 p. 136.

²2 p. 206, These 12.

3 Erziehungs- und Unterrichtslehre ³ pag. 349.

4 Die Wahl der Lektüre, Berlin 1885, p. 35..

5 Max Eichner, Ueber die lateinische Lektüre in IV. Beilage zum Jahresbericht des königlichen Gymnasiums zu Meseritz 1890, behandelt Phaedrus überhaupt nicht. Vergl. p. 5. 3

Vergl. Erler, die Direktoren-Conferenzen des preufs. Staates, Berlin 1876, p. 92.

Siehe ebenda p. 105.

s p. 134.

641. A6 8. 894