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vereinfacht sich erstens die Präüparation: man läſst allmählich die Lesung des Prosatextes fallen und präpariert direkt die metrische Fassung. Zweitens bildet das Metrische ja fast nur eine beständige Wiederholung von Bekanntem. Die also gewonnene Zeit läſst sich dagegen für die Behandlung mancher Dinge verwerten, die hier einen ungezwungenen Anschluſs finden können und demnach den Wert der Fabeln als Konzentrationsstoff darthun.
Vor allem ist hier Gelegenheit, den Schüler an der Hand seiner Erfahrung mit den Unterschieden prosaischer und poetischer Darstellung bekannt zu machen. Schon bei der Behandlung von Bäſsler, Demosthenes in Masius deutschem Lesebuch,¹ ist der Schüler auf den Unterschied der schlichten und gehobenen Redeweise hingewiesen worden. Eine Eigen- tümlichkeit der letzteren sind die bildlichen Ausdrücke, die aus dem Streben nach An- schaulichkeit der Darstellung hervorgehen. Die Wirkung derselben als dichterisches Mittel tritt dem Schüler im metrischen Texte seiner Fabel um so schärfer entgegen, als er denselben Inhalt schon in der nackteren Prosafassung der Fabel kennen gelernt hat. Schon in der ersten Fabel ge- braucht Phaedrus die Phrase iurgii causam inferre. Der Schüler findet selbst, daſs es sich hier um einen bildlichen Ausdruck handelt, der von der Kriegsführung entlehnt ist, denn bellum inferre alicui ist ihm geläufig. Wie ganz anders wirkungsvoll ist aber der Gedanke: „Der Wolf führt einen Offensivkrieg gegen das Lamm,“ als„er sucht einen Grund zum Streite.“ Wie sinnlich anschauungsvoll ist gleich in derselben Fabel aqua decurrit ad meos haustus anstatt ad me. Der Schüler sieht hier das Lamm bei dem Schlürfen des Wassers. Ohne Mühe, durch eigene Anschauung wird also der Knabe mit der Forderung nach Handlung im Gedichte vertraut.? Fast in allen Fabeln dürfte sich Aehnliches zeigen lassen. Wie passend gruppiert sich aber dieses Streben nach sinnlicher Anschaulichkeit zu dem weiteren dichterischen Mittel der schmückenden Beiwörter, worauf der Schüler schon früher aufmerksam gemacht wurde,s der Wirkung durch den Gegensatz4 und der Macht der Tonmalerei, die er gleichzeitig aus Bürgers Lied vom braven Mann kennen lernt.? Hier bietet sich also gewils eine leichte Verknüpfung mit dem deutschen Unterrichte. Wie nahe liegt es ferner, wenn man Phaedrus' Fabel leo senex liest, gleichzeitig im deutschen Unterrichte Lessings Alten Löwen vorzu- nehmen. Welche Freude macht es den Jungen, an der Hand des Lehrers die Aehnlichkeiten, Verschiedenheiten, Fehlendes in der einen und Zusätze in der anderen Darstellung aufzufinden. Aber damit nicht genug, man wird auch im französischen Unterrichte(vorausgesetzt, dals sämtliche hist.-phil. Fächer in einer Hand liegen) Lafontaines lion devenu vieux zur
¹ II. ³ p. 329. Zum Kanon der in IV. zu behandelnden Stücke gehörig. Vergl. H. Schiller, Die einh. Gest. u. s. w. p. 63. ² Vergl. W. Scherer, Gesch. d. deutschen Litt. p. 482. 3³ Kaiser Rotbart lobesam. 4 Manch Ritter wert, Mit festem Schild und breitem Schwert. Siegfried nur einen Stecken trug;
5 Hoch rollten die Wogen entlang ihr Gleis Und rollten—; Es dröhnt' und dröhnte dumpf heran; Laut heulten Sturm und Wog ums Haus; Die Schollen rollten, Schufs auf Schufs; Die Schollen rollten Stofs auf Stofs;


