Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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des Schülers befindlichen Wissen, vor allem mit Zurückgreifen auf den Gesangunterricht leicht entwickeln. Das Skandieren von Vers 2 bietet nun keine Schwierigkeit mehr, und es folgen die Verse 1, 3, 10 und 13, die sämtlich Daktylen enthalten, sodaſs das neu Erlernte sofort die nötigen Uebungsbeispiele findet. Im Vers 7: qu bréris wird ebenso durch Auflösung der ersten Lünge des Spondeus der Anapaest entwickelt, und im Vers 11: nüs 5 qul- lernt der Schüler schlieſslich durch Auflösung des reinen Jambus den Tribrachys kennen. Weitere Verse, an denen sofort die Einübung dieser Takte stattfinden könnte, fehlen in dieser Fabel, und dieselbe muſs der Behandlung anderer Stücke vorbehalten bleiben. Das Suchen daktylischer (tSmpörà), anapästischer(sàpiéns) und einen Tribrachys(cε16 bér) bildender Wörter hat natürlich auch die Kenntnis dieser Takte gefördert.

Nachdem die Einzelverse gehörig geübt worden sind, folgt das Gedicht als Ganzes, dessen skandierendes Lesen dem Schüler jetzt keine Schwierigkeit mehr bereiten wird. Daran schlieſst sich noch das Memorieren, obgleich dieses für alle leichter auffassenden Schüler als eigentliche Aufgabe kaum mehr vorhanden sein dürfte. Aber auch den schwächeren Schülern wird keine Mühe mehr daraus erwachsen, da sie aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Arbeit das judiziöse mit dem mechanischen Verfahren in ein richtiges Verhältnis bringen werden. Lief doch die ganze Art der vorausgegangenen Behandlung auf ein judiziöses Arbeiten hinaus.

In derartiger Behandlung hat sich der Schüler an der einen Fabel die Hauptthatsachen des jambischen Senares durch eigone Arbeit erworben. Das Lesen der folgenden Fabeln hat nun wesentlich die Aufgabe, den erworbenen Besitz durch beständige immanente Repetition zum dauernden Eigentume zu machen. Aufserdem werden, wo sich passende Gelegenheit bietet, die Lücken im metrischen Wissen ergänzt; es fehlt zum Beispiel noch: vocalis ante voca- lem corripitur, muta cum liquida brauchen keine Position zu machen. Indessen darf man in den Anforderungen nicht zu weit gehen. Die Kenntnis der Caesuren, für die sich in dem Deutschen keine Analogie findet, kann der Tertia vorbehalten bleiben; die Zusammen- fassung zweier jambischen Takte zu einer Dipodie und die daraus entspringende Bezeichnung des jambischen Senares als eines jambischen Trimeters würden das Gedächtnis des Quartaners nur mit unnötigen Namen belasten; ebenso erscheint es m. E. auf dieser Stufe überflüssig, den Schüler mit den Ausdrücken Thesis und Arsis zu behelligen, um so mehr, als sich der Lehrer hier, wie in allen Klassen in der miſslichen Lage befindet, die wissenschaftlich allein gerechtfertigte Erklärung der Arsis als vom Aufheben, der Thesis als vom Niedersetzen des Fuſses entlehnt, mit den von uns eingeführten Ausdrücken Hebung und Senkung der Stimme in Einklang bringen zu können. ¹

Auch bei der Behandlung der folgenden Fabeln ist daran festzuhalten, daſs kein Takt gelesen wird, von dem nicht Rechenschaft abzulegen wäre. Am besten läſst man jeden Vers, während ein Schüler denselben skandiert, von einem anderen an die Wandtafel anschreiben.

Derart dürfte es genügen, etwa 10 15 Fabeln zu lesen, was in etwa 8 Wochen leicht zu bewältigen sein wird. Zur eingehenden Behandlung der ersten Fabeln gebraucht man etwa je eine Woche, da es sich dabei nicht um ein rasches Fortschreiten, sondern um ein völliges Kennen und Können einer jeden Thatsache handelt. Bei der Bearbeitung der späteren Fabeln

¹ Vergl. H. Gleditsch, Metrik der Griechen und Römer in J. Müller, Hdb. der klass. Altertw. II.* p. 688, Anm. 4.