Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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auch nach Lessings Vorschlage¹ die Fabel von einem anderen Gesichtspunkte betrachtet behandeln, sodaſs man gleichsam eine neue Fabel gewinnt.

Mit diesen Uebungen, welche das selbständige Denken der Knaben in Anspruch nehmen und es gestatten, die mannigfaltigsten, dem Schüler bekannten Stoffgebiete, z. B. Ge- schichte und Naturkunde, in den Kreis der Betrachtung zu ziehen, wird man das Inter- esse stets rege zu erhalten, oder neues zu erwecken vermögen. Dabei ist nicht aufser acht zu lassen, daſs man hiermit gleichzeitig der Forderung gerecht wird, eine jede, auch fremd- sprachlichem Unterrichte gewidmete Lehrstunde für die Vervollkommnung in der deutschen Sprachgewandtheit auszunutzen. ² Selbstverständlich können diese Uebungen nach gehöriger mündlicher Besprechung auch den Stoff zu schriftlichen Arbeiten liefern. Der lat. Unterricht läſst sich also hier direkt für den deutschen Aufsatz nutzbringend gestalten.

Damit ist der erste inhaltlich-grammatische Teil der Behandlung abgeschlossen, und ich fasse hier nochmals das Ergebnis desselben für den Schüler zusammen:

A. inhaltlich: Kenntnis des Inhaltes, Ethischer Gewinn, Einblick in das Tierleben, Befestigung einer dem sonstigen Unterrichte angehörenden Thatsache durch die Variation, Extemporale oder Klassenarbeit, 5. Förderung der deutschen Sprachgewandtheit, mündlich und schriftlich.

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B. grammatisch: 1. Kenntnis der meisten in der metrischen Fassung vorkommenden Vokabeln, 2. Befestigung und Kenntnisnahme der Quantitäten, 3. Befestigung der lat. gramm. Thatsachen durch die Retroversion, Variation und das Extemporale oder die Klassenarbeit.

Erst im Besitze dieser Kenntnisse tritt der Schüler an die metrische Fassung der Fabel heran. Ihr Inhalt ist ihm bekannt, die Schwierigkeiten der Präparation sind beseitigt. Die Trennung der Wörter male-dixisti, longe im poet. Texte für multo in der prosaischen Fassung, iurgii causam infero für quaero, ad meos haustus für ad me, können keine ernstlichen Schwierigkeiten mehr verursachen, während sie, wie unten zu zeigen sein wird, ein Mittel bieten, den Schüler an der Hand seiner Erfahrung an einfachsten Beispielen in die Dichtersprache einzuführen. Da sich also der Schüler mit grammatischen Dingen nicht mehr zu quälen braucht, wird der Reiz der für ihn neuen poetischen Fassung voll bewahrt bleiben.

Zunächst läſst der Lehrer die in die prosaische Bearbeitung aufgenommenen gleichartigen Bestandteile sowie die oben angeführten dichterischen Eigentümlichkeiten finden, bezw. die Sätze konstruieren. Nach Beseitigung einer jeden Unklarheit erfolgt die Uebersetzung durch einen besseren Schüler, die erfahrungsmäſsig befriedigend und gut ausfällt. Nach der häuslichen, ohne Mühe zu leistenden, Repetition wird am folgenden Tage die ganze Klasse die dichterische Fassung mit derselben Geläufigkeit zu übersetzen im stande sein als die prosaische.

¹ Von einem besonderen Nutzen der Fabeln in den Schulen, ed. Hempel X. p. 86. Vergl. H. Schiller, Handb. der prakt. Paed. ² p. 293.