Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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Nun folgt das Skandieren der Verse, wobei der Schüler unter entsprechender Anleitung des Lehrers sogut wie alles selbst zu finden hat. Nur das Notwendigste wird ihm dazu angegeben.

Zunächst hat der Schüler den Unterschied prosaischer und poetischer Dar- stellung zu erkennen. Da ihm die lateinischen Verse etwas durchaus fremdartiges sind, so knüpft man passend an das Deutsche an. ¹ Man schreibt z. B. die ersten Verse von Uhlands blindem König? sowie eine Periode aus einem deutschen Prosastücke an die Tafel. Der Schüler findet darauf von selbst im Gedichte die Versabteilung und giebt dieses Unterscheidungsmerk- mal von Prosa und Poesie an. Liest nun der Lehrer ein- oder mehreremale die Verse markant skandierend und darauf die Prosaperiode vor, so wird der Schüler durch sein Gehör leicht wahrzunehmen im stande sein, daſs der Vers ein regelmäſsig gebautes Ganzes darstellt. Ebenso wird derselbe bemerken, daſs die Regelmälsigkeit in der Zusammenfassung je zweier Silben besteht, deren zweite sich durch höhere Betonung von der ersten unterscheidet. Den Namen für eine solche regelmäſsige Silbenzusammenfassung besitzt der Schüler bereits; man braucht denselben nur auf eine analoge, ihm bekannte Thatsache hinzuweisen. Er hat die regelmäſsige Zusammenfassung mehrerer Noten in einem gut geleiteten Gesangunterrichte als einen Takt kennen gelernt und versteht im Turnunterrichte unter Taktgehen einen regel- mäſsigen Wechsel im Setzen der Füſse. Dementsprechend wird er auch den metrischen Takt leicht begreifen. ¹ Der Lehrer teilt nun, was noch allein zu wissen erübrigt, mit, dals man den Takt, in welchem der betonte Taktteil auf den unbetonten folgt, einen Jambus nennt. Die Takte werden darauf an der Tafel durch senkrechte Striche von einander getrennt und die Silben mit den Zeichen, versehen. 4 Der betonte Taktteil erhält sofort das Zeichen für die Betonung: 7.

Sind diese Thatsachen durch öfteres skandierendes Hersagen der deutschen Verse sowie durch die Fragestellung des Lehrers genügend eingeprägt worden, so geht man zum lateinischen Gedichte über. Der Schüler ersieht aus seinem Exemplare, daſs ein lateinisches Gedicht wie ein deutsches aus einzelnen Versen besteht. Darauf schreibt der Lehrer einen Vers, der nur Jamben und Spondeen enthält, an die Wandtafel und liest denselben skandierend vor, z. B.

v. 9 répülsus 1116 vörftätis virlbüs.

Durch das scharf skandierende Lesen erkennt der Schüler vermöge des Gehörs, daſs der lateinische Vers wie der deutsche aus einer regelmäfsig wiederkehrenden Zu- sammenfassung zweier Silben besteht, deren zweite den Ton trägt. Durch Vergleichung mit den deutschen, noch an der Tafel angeschriebenen Versen ersieht er aber auch, daſs er es mit jambischen Takten zu thun hat. Nun schreibt man etwa noch

v. dscürrit äd mös häüstüs IIquoͤr an und lälst die Schüler selbst die Abteilung der Takte vornehmen. Die Klasse findet alsdann

¹ Vergl. auch IV. Dir.-Vers. Hann. p. 147. ² Dieses Gedicht ist in IV. erlernt worden. ³ Dies ist auch der Grund, warum ich den Namen Takt anstatt Versfuls wühle. Vergl. A. Roſsbach und R. Westphal, Metrik der Griechen? II. p. 115 und H. Schiller, Die lyrischen Versmafse des Horaz? Leipzig 1877, 8 7, p. 3. 4 Den Grund für die Wahl dieser Zeichen wird der Schüler bald selbst finden. 2 ½