Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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Nachdem ich derart den Nachweis glaube erbracht zu haben, daſs Phaedrus' Fabeln dem Alter des Quartaners entsprechen und didaktisch Wertvolles dadurch nicht zeitlich verkürzt wird, handelt es sich darum darzulegen, daſs die vorgestellten Schwierigkeiten der Behandlung nicht allein nicht grofs sind, sondern daſs Phaedrus auch einen wertvollen Gesinnungs- stoff innerhalb der für IV. maſsgebenden Gedankenreihe darstellt, mit dem man sich recht wohl beschäftigen kann, sodaſs ohne Vernachlässigung der lateinischen Grammatik beständig Berührungspunkte mit den anderen Unterrichtsfächern geschaffen werden. Dieses Ziel zu er- reichen, ist die Aufgabe einer Methode, die in jeder Thätigkeit von den erstrebten Zwecken und den zu deren Erreichung angewandten Mitteln Rechenschaft fordert und ablegt. Es dürfte sich daher empfehlen, die Lösung dieser Fragen an der Behandlung des Unterrichtes selbst zu versuchen, wie ihn der Verfasser seit mehreren Jahren mit dem bezeichneten Erfolge erteilt zu haben glaubt.

Wir beginnen an hiesiger Anstalt mit der Phaedruslektüre zu Anfang des dritten Tertials, nachdem Nepos in der oben: bezeichneten Einschränkung gelesen worden und zum Abschlusse gelangt ist. Bis auf wenige Reste sind daran die wichtigsten Regeln der Kasuslehre, sowie die hauptsächlichsten Thatsachen der Moduslehre zur Behandlung gekommen, sodaſs im wesent- lichen nur für die weitere Befestigung des Erlernten Sorge zu tragen ist.

Die Behandlung einer jeden Fabel zerfällt in zwei scharf getrennte Teile, in die inhalt- lich-grammatische und die metrische Arbeit. Man wählt, um den Schüler von vorn- herein im Stoffe heimisch sein zu lassen, vorerst nur Stücke aus, die derselbe schon in dem deutschen Unterrichte der Vorschule oder der Sexta kennen gelernt hat, oder mit denen er durch die Prosastücke des lateinischen Lesebuches vertraut geworden ist.

Nachdem der Lehrer zur Angabe des Zieles die Behandlung der Fabel vom Wolf und Lammé angekündigt hat, erzählt ein Schüler diese Fabel deutsch. Um nun für den Anfänger keinerlei Schwierigkeiten aufkommen zu lassen, tritt man zunächst noch nicht an die metrische Fassung selbst heran, sondern läſst die Fabel zuerst in Prosa lesen. Zu diesem Zwecke wurde früher an unserer Anstalt auf die Fabelsammlung in Schmidt's Elementarbuch der lateinischen Sprache II., das in V. gebraucht wurde, zurückgegriffen, während jetzt, nach Einführung von Lattmanns Nepos emendatior, der auch eine Anzahl Tierfabeln enthält, eine sich an diesen an- lehnende Sammlung von Fabeln in Prosabearbeitung auf einem viertel Bogen für die Zwecke unserer Anstalt besonders zusammengestellt worden ist. Die Schüler schlagen den Prosatext auf und erhalten Zeit, denselben durchzulesen, um sich die frühere Uebersetzung wieder zu vergegenwärtigen. Dem Gedächtnisse etwa Entschwundenes wird mit Hilfe des Lehrers neu erarbeitet. Nun erfolgt die Uebersetzung durch einen Schüler. Darauf läſst der Lehrer sofort durch Fragen die grammatischen Thatsachen befestigen. Die Stammformen der Zeitwörter: compello, véênio, quæro neben qubror, bibo, fäcio, mälédico, respondeo, nascor, corripio; aus der Kasuslehre: siti compulsi, veritate re-

4 S. p. 7.

²2 Es erübrigte z. B. im Schuljahr 1889/90 nur noch die Zusammenfassung oder Neuerlernung folgender Regeln: Gen. poss., Gen. bei part. trans. verb., Gen. bei causa, Acc. im Ausruf, Dat. poss., Gebr. des gerund. u. gerundiv.

s Ich führe die ganze Auseinandersetzung an diesem Beispiele durch.

4 H. Schiller, Handb. d. pr. Paed. ² p. 440.