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die Knaben aufgewachsen, 1 und man räumte gewiſs mit Recht der Fabel in den älteren Lese- büchern eine breitere Stelle ein, als jetzt vielfach zu geschehen pflegt. Auch wir werden dem- nach der Fabel des Phaedrus in ihrer naiven Form mit dem groſsen Schatze von Erfahrung, der darin niedergelegt ist, für die sittliche Ausbildung unserer Jugend nicht entraten wollen.
Daſs der Gedankeninhalt nicht auf Verständnis rechnen könne,* während man doch die kleinsten Kinder mit freudestrahlendem Gesichte der Erzühlung einer Fabel lauschen sieht, ist mir unerfindlich. 3 Eher dürfte man vielleicht den Einwand erheben, für den Quartaner unserer Tage sei der Inhalt der Fabeln zu naiv und biete ihm nicht genug des Neuen, zumal die Fabel auch in VI. und V. schon behandelt worden sei. Nun ist es gewiſs eine der ersten päda- gogischen Forderungen, dem Schüler nur das seinem Alter Entsprechende zu bieten, nichts, was unter oder über dem Niveau seines Verständnisses liegt, also anstatt Interesse, Unlust oder Ueberbürdung hervorrufen würde. Sollte es aber wirklich Quartaner geben, die in Folge der modernen Lebensführung für die Lektüre der Fabel schon zu blasiert erschienen, so hätte die Schule m. E. die Pflicht, diese durch einfache, ihrem Alter entsprechende Kost ihrer kindlichen Sphäre, soweit möglich, zurückzugeben. Will man aber im Unterrichte stets an die Erfahrung der Schüler anknüpfen, um deren Gesichtskreis in eigener Arbeit stetig zu erweitern, so muſs man stets auf das Bekannte zurückgreifen,“ also auch dieselben Stoffe von neuem vorführen. Ein jeder Lernprozeſs beruht auf den Thätigkeiten des Anschauens, Denkens und Uebens. Mag für die Fabel in IV. die Stufe der Anschauung als bereits abgeschlossen angesehen werden, und mag man hier gewissermaſsen einen Ruhepunkt zur Besinnung gefunden haben, auf dem die Denk- und Uebungsthätigkeit von neuem beginnen kann. Nennt doch einer der vorzüg- lichsten Kenner der Fabel, Lessing,? deren Nutzen in der Schule einen„heuristischen“ und versteht darunter, daſs man den Knaben,„dessen gesamte Seelenkräfte man so viel als möglich beständig in einerlei Verhältnissen ausbildet und erweitert,“ anhält,„alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt, mit dem, was er gestern bereits wulste, in der Geschwindigkeit zu vergleichen und Acht zu haben, ob er durch diese Vergleichung nicht von selbst auf Dinge kommt, die ihm noch nicht gesagt worden sind.“ Nach diesen Worten Lessings liegt der Wert der Konzentration in der Möglichkeit„den Knaben beständig aus einer Scienz in die andere sehen zu lassen.“ 6 Und der Umstand, daſs Lessing diesen in der heutigen Päda- gogik zu so hohen Ehren gelangten Satz gerade in Anknüpfung an die Fabel ausgesprochen hat, läſst den Nutzen der Konzentrationsmethode an diesem Stoffe nach seiner Ansicht deutlich genug in die Augen springen.
Doch sollte nicht ein wertvollerer Unterrichtsstoff durch eine zweimonatliche Lektüre des Phaedrus in seinem Rechte verkümmert werden? Die Gegner des Phaedrus behaupten das von dem Cornelius Nepos. Zur Beantwortung dieser Frage müssen hier einige Worte über den Lehrstoff der Quarta und über die Stellung des lateinischen Lesestoffes innerhalb desselben
¹ Vergl. Jul. Schmidt ebenda.
2 IV. Dir.-Vers. Hann. p. 135.
3³ G. Veesenmeyer eb. p. 572.
4 H. Schiller, Die einh. Gest. u. s. w. p. 126.
5 Von einem besonderen Nutzen der Fabeln in den Schulen, ed. Hempel X. p. 86. ³ Vergl. ebenda.


