Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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mögen, ohne dadurch der Behandlung didaktisch wertvolleren Stoffes die Zeit zu verkürzen. Ferner wird man darnach fragen müssen, ob dem Schüler an der Hand von Phaedrus' Fabeln ein entsprechender Wissensstoff überliefert, seine Denkthätigkeit in Anspruch genommen und seine Willenskraft an einer Interesse einflöſsenden Arbeit geweckt werden kann.

Ueber den ethischen Werth der Fabel für die Erziehung des Kindesalters dürfte im allgemeinen kein Zweifel bestehen. Die Fabel entstammt der Kindheit der Völker und spricht die Kindheit des einzelnen Menschen an. ¹ In einem leicht zu behaltenden Ausdrucke gute Wahrheiten zu sagen, ist die Fabel das angemessenste Organ.² Mit vollem Rechte betont Herder, ³ daſseine jede Lehre Anwendung fordert, dennder Mensch will nicht immer von andern belehrt sein, sondern hat das Bestreben,sich durch Vorhaltung der Sache selbst zu belehren. Die Fabel ist also auch ein hervorragendes Mittel zur Erweckung der Selbst- thätigkeit der Schüler. Da aber die in der Fabel dargestellte Handlung nach den ewigen Gesetzen der Ursache und Wirkung verläuft, so sieht derselbe Gelehrte in den äsopischen Fabelnherausgerissene Blätter aus dem Buche der Schöpfung undin ihren Charakteren lebendigfortwährende ewige Typen, die vor uns stehen und uns lehren. In diesem Sinne betrachteten alle Naturvölker die Fabel; sie war ihnen ein Lehrbuch der Natur. Die Fabel dient also dem Unterrichte in der Herausarbeitung von stets wiederkehrenden Typen, worauf ein Hauptaugenmerk aller Jugendbildung zu richten sein dürfte.4 Wie alle Kulturvölker die Fabelals Werkzeug zur Bildung des Verstandes und der Sitten betrachteten,5 so brachte auch unser deutsches Volk der Tierfabel frühzeitig seine Zuneigung entgegen. So spricht sich Luther, einer der am festesten auf dem Boden deutschen Volkslebens stehenden Männer, wieder- holt aufs wärmste für die Fabel aus. 6 Ja er hielt esfür eine sonderliche Gnade Gottes, daſs die Fabeln Aesopi in den Schulen sind erhalten worden.! Sollte auch die Ueberlieferung dieses Ausspruches nicht über jeden Zweifel erhaben sein, so zeugt doch der Umstand, daſs Luther selbst, als er auf der Veste Koburg saſs, an eine deutsche Bearbeitung der Fabel heran- trat, von dem hohen Interesse das er ihr entgegenbrachte. 8 Im Anschlusse an die äsopische Fabel entwickelte sich nun die ganze deutsche Fabeldichtung von Burchard Waldis bis auf Gellert und Lessing, ohne daſs dem Inhalte nach wesentlich Neues hinzukam, während die ur- sprüngliche naive Form, wie sie Phaedrus noch erhalten hat, allmählich verloren ging.? Die äsopischen Fabeln sind demnach zum Gemeingut des deutschen Volkes geworden, das wir der Jugend nicht entziehen dürfen. Ob daher ein Schüler nach der Gymnasial- oder Realtertia übergeht, so dürfte die von ihm der Fabellektüre gewidmete Zeit in beiden Fällen nutzbringend verwertet gewesen sein. An Gellerts lehrreichen Fabeln sind mehrere Menschenalter hindurch

¹ Vergl. Jac. Grimm, Reinhart Fuchs, Berl. 1834 p. II und G. Veesenmeyer, Märchen, Fabel in Schmid's Encycl. d. Erziehg. u. des Unterr. IV. p. 572.

² Jul. Schmidt, Gesch. d. dtsch. Litt. I. p. 219.

Sümtl. Werke, Stuttg. u. Tüb. 1830, Zur schönen Litt. u. Kunst, XVII. p. 62 ff.

4 Vergl. H. Schiller, Handb. der prakt. Paed. ² p. 271 u. O. Frick, Lehrpr. u. Lehrg. IX. p. 1 ff.

5 Vergl. Herder, ebenda p. 64.

6 Sümtl. Werke, Frankf. a. M. u. Erlangen 1854 LXII. p. 344 und LXIV. p. 349. Vergl. auch W. Scherer, Gesch. der dtsch. Litt. p. 296.

7 Siehe ebenda LXII. p. 458.

s Vergl. Etliche Fabeln Aesops von Luther verdeutscht, samt einer schönen Vorrede 1539. Sämtl. Werke LXIV. p. 349 ff.

* Jac. Grimm, Reinhart Fuchs p. XV. u. Jul. Schmidt, eb. p. 219 und Herder, eb. p. 66 ff.