Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Seyffertschen Grammatik einer späteren Einübung vorbehalten, sofern diese überhaupt einer Erlernung in der Schule bedürfen. Aber auch ganze Regeln über seltener vorkommende gramm. Thatsachen, z. B. über interest, finden sich hier für eine spätere Erlernung ex usu aufgespart.

Mit der Klage über den Mangel an Zeit werden wir gerade auf den einzuschlagenden Weg unserer Untersuchung hingewiesen. Je weniger Zeit zu unserer Verfügung steht, desto mehr drängt sich uns die Forderung der Konzentration des Unterrichtes auf, ¹ d. h. wir müssen den Lehrstoff dahin prüfen, ob er sich als ein brauchbares Glied in die Kette der übrigen Lehrgegenstände der Schule einordnen läſst, und, ob er in anderen, dem Schüler bereits bekannten Stoffen die nötigen Apperzeptionsstützen zur eigenen Angliederung findet, sowie neue nach anderen Richtungen hin zu schaffen im Stande ist. Ferner muſs der Lesestoff in der formenden Hand des Lehrers nach allen Seiten hin, formal und inhaltlich, fähig sein, als Basis für Sprachstoff, Regel und schriftliche Uebung zu dienen.

In dem nach den Rücksichten der Konzentration angeordneten Unterrichte kann natürlich, da sonst die Erweckung des nötigen, einheitlichen Interesses im Schüler unmöglich wäre, gleich- zeitig nur ein Lesestoff vorhanden sein. Die Phaedruslektüre darf also nicht etwa neben der des Nepos herlaufen,² sondern muſs nach Abschluſs der letzteren selbständig als Konzentrations- zentrum auftreten können. Mit der wirklichen Konzentration geht ferner eine möglichste Be- schränkung des Fachlehrersystems Hand in Hand. Denn davon zu geschweigen, dals die Nepos- und Phaedruslektüre in verschiedenen Händen liegen dürfe, 3 kommt vielmehr dem Klassenlehrer die Vereinigung von möglichst allen hist.-philol. Fächern seiner Klasse zu. 4 Da dieser allein den gesamten Unterrichtsstoff zu überschauen vermag und den Vorrat an Vorstellungsassociationen seiner Schüler kennt, so wird er, ohne eine Ueberbürdung eintreten zu lassen, die nötigen Verbindungsbrücken zwischen den verschiedenen Fächern schlagen können Der Schüler wird aber dadurch in den Stand gesetzt werden, sich an der Hand seines Lehrers Gesamtbilder des Stoffes zu erarbeiten. Die gröſsere Vertrautheit des Klassenlehrers mit seinen Schülern läſst endlich auch die Plage der schwierigeren Präparation völlig beseitigen, zumal diese Arbeit in die Schule gehört, 5 sodaſs der häuslichen Thätigkeit nur die Einprägung des in der Schule Erarbeiteten übrigbleibt. Der Klassenlehrer wird aber auch bei der Behandlung des Neuen sowie bei der Repetition die Eigenart seiner Schüler weit mehr zu berücksichtigen wissen und seine Anforderungen darnach zu bemessen im Stande sein.

Unter der Voraussetzung, daſs der Unterricht nach den Gesichtspunkten der Konzentration erteilt wird, ergeben sich für Phaedrus' Fabeln folgende Fragen zur Beantwortung: ob dieselben an und für sich inhaltlich wertvoll genug sind gelesen zu werden, ob sie sich für die Altersstufe des elf- bis zwölfjährigen Quartaners eignen, und, ob dieselben für die Zeit von etwa 8 Wochen im Mittelpunkte des Gesamtunterrichtes zu stehen ver-

zeichnung der Pensen für die einzelnen Klassen der Gymnasien und Realgymnasien, Hannover 1885. In noch knapperem Rahmen faſst das gramm. Pensum zusammen Paul Harre, Kleine lat. Schulgrammatik, Berlin 1890.

¹ H. Schiller, Ueber Konzentration im lat. Unterr. Zeitschr. für Gymn.-Wes. XXXVIII. p. 193.

IV. Dir.-Vers. Hann. p. 139..

3 IV. Dir.-Vers. Hann. p. 138. Die hier dafür geltend gemachten Gründe sind nicht stichhaltig.

4 H. Schiller, Handb. der prakt. Pädag.* p. 230 u. Die einheitl. Gest. u. s. w. p. 31.

5 H. Schiller, Die einheitl. Gest. u. s. w. p. 127.