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Künſtler dem Kaiſer durch ſeine bildlichen Darſtellungen eine ganz entſprechende Huldigung darbringt, wie der Dichter?—
Im Einzelnen empfiehlt es ſich, wenn der Zeichenunterricht durch eine Auswahl von Modellen aus den Altertümern der Griechen und Römer die Lectüre begleitet.
Von den Staatsaltertümern wird das Kriegsweſen berückſichtigt werden. In den Tertien iſt beſtändig von der Ausrüſtung des römiſchen Legionars und von den Belagerungsmaſchinen Cäſars die Rede. Die Erfahrung lehrt, daß die Schüler mit lebhafterem Intereſſe und mit richtigeren Vorſtellungen ausgeſtattet der Lectüre folgen, wenn ſie, wie oben im Lehrplan gezeigt iſt, diejenigen Teile der Aus⸗ rüſtung, die am häufigſten vorkommen, geſehen und gezeichnet haben. Gleichzeitig ließ ſich an dieſen Gegenſtänden die Schattierung runder Körper, die in den Lehrplan der Tertien fällt, üben. Modelle ſind durch das Mainzer Muſeum leicht zu haben. Für die Belagerungswerkzeuge der Römer iſt man nicht ſo glücklich daran. Man kann ſich aber viele leicht herſtellen. So paßt in den Lehrplan der Quarta, anknüpfend an Nepos Miltiades VII 2, wo zum erſten Male von vinea und testudo die Rede iſt, das Zeichnen eines entſprechenden, leicht herzuſtellenden Modells, an dem gleichzeitig die erſten Geſetze der Perſpective geübt werden. Wie viele Schüler ſind ſchon durch das Gymnaſium gegangen, ohne von den immer wieder vorkommenden Laufhallen, Sturmlauben, Thürmen u. ſ. w. eine Vorſtellung gehabt zu haben. In jedem Gymnaſium iſt wohl ein Modell der Rheinbrücke Cäſars vorhanden; man laſſe es als perſpectiviſche Ubung in der Obertertia zeichnen, wenn auch nur als Epiſode von geübteren Schülern. In ähnlicher Weiſe laſſen ſich aus der Xenophonlectüre Modelle herſtellen z. B. ein Sichelwagen.
Von den Privataltertümern, die den Unterricht in den oberen Klaſſen veranſchaulichen helfen, kommen folgende in Betracht: 1. das Wohnhaus, 2. die Hausgeräte, 3. die Kleidung. Die letztere läßt ſich von Gypsmodellen nach antiken Originalen z. B. der Sophoclesſtatue, dem florentiniſchen Redner und andern abzeichnen. Was die Hausgeräte angeht, ſo wäre dahin zu ſtreben der Lehr⸗ mittelinduſtrie nach dem Beiſpiele des Mainzer Muſeums eine andere Richtung zu geben. Statt der zahlloſen, ſchwer auf die Dauer aufzubewahrenden, oft ſtil⸗ und geſchmackloſen Gypsroſetten ꝛc. würde es ſich empfehlen, folgende Geräte herzuſtellen: lucernae, olla, patina, amphora, cadus, urna, cyathus, patera, craterae, Dinge, auf die man bei der Lectüre z. B. das Horaz beſtändig ſtößt, und von denen die Schüler ſelten eine ganz richtige Vorſtellung haben.— Von dem römiſchen Wohnhaus, das in dem facultativen Unterricht der oberen Klaſſen gezeichnet wurde, iſt ein gutes Modell an hieſiger Anſtalt vor⸗ handen. Weiter dürfte es nicht allzu ſchwer ſein, eine griechiſche of darzuſtellen.
Beſonders kann die Homerlectüre durch die Ausbildung des Sehvermögens fruchtbar werden. Fricki) ſagt, er pflege den Schülern zuweilen zuzurufen:„Iſt ein künftiger Bildner unter Ihnen, ſo laſſe er ſich dies oder jenes plaſtiſche Motiv nicht entgehen.“ Folgte man dieſem Wink Fricks und wieſe man an Stellen, wie II. XVII 439 ff. XVIII 456 XX 861(die ſich unendlich vermehren ließen) daraufhin, wie plaſtiſch Homer geſehen hat, ſo dürfte die Homerlectüre das beſte Mittel zur Förderung innerer Anſchauung werden.— Aber auch aus dem Beiwerk homeriſcher Darſtellungen dürfte der Zeichenunterricht Vorteil ziehen. Ein Modell vom Schiffe des Odyſſeus iſt zu haben. Sehr lehrreich würde es ſein, wenn man etwa aus Pappe oder Holz nach Od. IV 302 und 625, XV 59, XVI 342, VI 72 u. XXII 459 das Haus des Odyſſeus conſtruierte und zeichnen ließe. Auch könnte die Lehrmittel⸗ induſtrie nach den Schliemannſchen Ausgrabungen etwa einen zoντν, ονοο, duα†ςᷣννκνεᷣοeν déxag herſtellen.
¹) a. a. O. S. 11.


