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Klaſſen wohl Gelegenheit, den Schüler mit den Signaturen bekannt zu machen, die für Karten in größerem Maßſtabe üblich ſind. Man findet da, daß die Schüler meiſt keine Vorſtellung davon haben, was die Maßangabe„im Verhältnis 1: x gezeichnet“, bedeutet, und daß der auf dem Kartenblatt an⸗ gegebene Maßſtab ein Bruchteil des wirklichen Meters iſt. Es erregt das lebhafteſte Intereſſe der Schüler, wenn man ſie ein Stück aus der Umgebung des Heimatsortes vergrößern läßt, oder wenn man auf einem Spaziergang die Anleitung dazu giebt, ein überſichtliches Stück Land aufzunehmen; was mittelſt eines quadrierten Blattes unter Benutzung des Kompaß(62 Doppelſchritt zu 100 Meter ge⸗ rechnet) leicht ausführbar iſt.
Über das Verhältnis der Naturwiſſenſchaft zum Zeichenunterricht können wir uns kurz faſſen, da das Ineinandergreifen beider Fächer aus dem Lehrplan(für Sexta und Quinta) erſichtlich iſt. Außer⸗ dem ſei auf Schiller S. 574, W. Zopf a. a. O. und Hornemann, die Pflege des Auges und der An⸗ ſchauung in der Einheitsſchule, verwieſen.
Die Mathematik kann durch den Zeichenunterricht inſofern erleichtert werden, als die Elemente der Planimetrie und der Stereometrie einfach aus dem Lehrplan der erſteren in den des Zeichenunter⸗ richts übertragen werden können. Dem Schüler ſind nach dem aufgeſtellten Lehrplan die ebenen Figuren und die regelmäßigen Körper ſamt ihren weſentlichſten Eigenſchaften ſchon bekannt, und der Mathematik⸗ lehrer kann mit dieſer Vorausſetzung rechnen. Das zeitraubende Erlernen der Definitionen fällt weg. Daß die Gewandtheit im korrekten Hinwerfen mathematiſcher Figuren dieſem Unterricht zu ſtatten kommen wird, leuchtet von ſelbſt ein. In noch höherem Grade als für die Planimetrie gilt das für die Stereo⸗ metrie. Wie viele recht begabte und fleißige Schüler haben hier Schiffbruch gelitten aus Mangel an dem, was Schiller ¹) die mathematiſche Phantaſie nennt?— Wer aber von früh auf an körperliches Sehen gewöhnt iſt, wird ſich ſicher leichter auch unter einer mangelhaften Linearzeichnung räumliche Gebilde vorſtellen können.
Weiter aber kann die Mathematik ihre Aufgaben zum Teil dem Gebiete des Zeichenunterrichtes entlehnen. Schiller ²) will ſchon die klaſſiſche Ornamentik herangezogen ſehen. Ferner könnten Auf⸗ gaben aus der Perſpective und beſonders aus der Schattenconſtruction geſtellt werden. Z. B. kann man die Helligkeit von Ebenen, welche gegen den Lichtſtrahl verſchiedene Neigung haben, in den oberen Klaſſen trigonometriſch berechnen laſſen.
Noch wichtiger für das Gymnaſium iſt die Verknüpfung des Zeichenunterrichts mit der Lectüre des Sprachunterrichts und mit der Geſchichte. Den franzöſiſchen Unterricht laſſen wir inſofern unberück⸗ ſichtigt, als ſeine Beteiligung lediglich von der Wahl des Leſeſtoffes abhängt, der nicht ſo allgemein feſtſteht, wie der der alten Sprachen.
Latein und Griechiſch: Zunächſt iſt es klar, daß die Einführung in das Geiſtesleben der Griechen und Römer durch die Lectüre eine ſehr weſentliche Unterſtützung dadurch finden wird, daß die Schüler über den Entwicklungsgang der antiken Kunſt einen überblick haben.
Ferner wird die Lectüre der Dichter, beſonders Homers gefördert, wenn der Schüler z. B. erkennt, worauf die Anſchaulichkeit der Schilderungen Homers beruht. Er wird finden, wie Frick ³) nachweiſt, daß Homer in ſeiner Schilderung meiſt denſelben Weg des Sehens eingeſchlagen hat(Totalauffaſſung — Zergliederung— geläuterte Totalauffaſſung), den er ſelbſt im Zeichenunterricht zu gehen geübt worden iſt. Kann es eine beſſere Erläuterung des carmen saeculare von Horaz geben, als wenn man im Zeichenunterricht die vaticaniſche Auguſtusſtatue von Prima Porta vorführt, auf deren Harniſch der
¹) S. 558. ²) S. 559. ³) Lehrproben und Lehrgänge 13, S. 7 u. ff.


