Aufsatz 
Der Zeichenunterricht am humanistischen Gymnasium und sein Verhältnis zu den übrigen Unterrichtsfächern / Adelbert Matthaei
Entstehung
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der übrigen Lehrfächer auf jeder Stufe vertraut ſein muß. Aber einige Geſichtspunkte ſollen doch gegeben werden, beſonders für die ſprachlich⸗hiſtoriſchen Fächer. Für die Verbindung mit Naturwiſſenſchaft, Mathematik und Geographie liegen ſchon ausführliche Arbeiten vor ¹).

Auf den unteren Stufen werden vorzugsweiſe Deutſch, Geographie, Naturwiſſenſchaft und Mathe⸗ matik, auf den oberen Latein, Griechiſch, Franzöſiſch und Geſchichte in Beziehung zum Zeichenunter⸗ richt treten.

Deutſch: In den unteren Klaſſen lernt der Schüler die Kunſt der Beſchreibung. In Unter⸗Tertia wird ihm der Unterſchied zwiſchen Beſchreibung und Schilderung klar gemacht und die letztere tritt in den Vordergrund. Hier findet nun der deutſche Unterricht eine weſentliche Unterſtützung im Zeichnen. Eine Beſchreibung ſetzt das Zergliedern in die einzelnen Teile mit Unterſcheidung der weſentlichen und unweſentlichen voraus. Das aber wird gerade im Zeichenunterricht geübt. Wir haben oben geſehen, daß für die richtige Wiedergabe des Geſehenen durch das Zeichnendas geſprochene Wort zur Vermitte⸗ lung des Verſtändniſſes nicht entbehrt werden kann ²). Was Brunn a. a. O. über dieſe Frage ſagt, iſt ſo einleuchtend, daß es hier genügt, darauf verwieſen zu haben. Man kann im deutſchen Unterricht kaum eine ſo vortreffliche Übung der Ausdrucksweiſe bieten, wie ſie die fortgeſetzte Nötigung zum Beſchreiben deſſen, was der Schüler vor ſich ſieht, im Zeichenunterricht gewährt. Auch die Luſt des Schülers zur Arbeit wird eine andere ſein, wenn er ſein Darſtellungsvermögen an Gegenſtänden, die er vor Augen gehabt und zergliedert hat, üben darf, als wenn er mit Aufſatzthemen beſchäftigt wird, für die ſein Intereſſe oft nur ein gezwungenes iſt. Nach einer ſchon erwähnten Einrichtung des hieſigen Gymnaſiums kann ſich der Zeichenunterricht auch an der Übung des ſchriftlichen Ausdrucks beteiligen. In Form vonfreien Arbeiten läßt der Zeichenlehrer die Beſchreibung des Modells unter ſeinen Augen ſchriftlich anfertigen). Im deutſchen Unterricht mag auch vielleicht das malende Zeichnen, von dem W. Rein a. a. O. ſpricht, und das Flinzer mit Recht aus dem methodiſchen Gang des Zeichenunterrichts verbannt wiſſen will, ſeinen Platz finden. Ich verſtehe darunter, daß der Phantaſie des Schülers im Anſchluß an die deutſche Lectüre Gelegenheit geboten wird, ſich zu bethätigen. Ein Verſuch, die Schüler der UIIIIlluſtrationen zu dem Leſeſtück Trifels von W. Alexis anfertigen zu laſſen, lehrte, wie ihr Vorſtellungsvermögen gewinnt, wenn man ſie nötigt, die Schilderungen in, wenn auch noch ſo mangel⸗ hafte, Bilder umzuſetzen..

Aber auch die deutſche Lectüre der oberen Klaſſen dürfte aus dem Zeichenunterricht weſentlichen Vorteil ziehen. Wir erinnern z. B. an LeſſingsLaokoon, den Aufſatz:wie die Alten den Tod ge⸗ bildet und die antiquariſchen Briefe, Schriften, die gewiß ein beſſeres Verſtändnis finden werden, wenn das Beobachtungsvermögen und der Sinn für die bildende Kunſt geweckt und belebt worden ſind.

Geographie: Dieſer Unterricht verlangt, daß jeder Schüler das Land, das er kennen ſoll, auch zeichnen kann. Man hat die einzelnen Länder und Landesteile auf möglichſt einfache, regelmäßige Grund⸗ formen, Dreieck, Viereck ꝛc. zurückgeführt. Das Einzeichnen nun der von der Geraden abweichenden Grenzen, Flüſſe, Gebirge ꝛc. bedarf eines ziemlich ſicheren Augenmaßes. Weiter aber wird es darauf ankommen, die Karte ſo plaſtiſch wie irgend möglich geſtalten zu können. Ein im körperlichen Sehen geübtes Auge wird ſich auch hier bewähren). Auch findet ſich in dem facultativen Unterricht der oberen

¹) Hornemann. W. Zopf über einige Beziehungen des geographiſch⸗naturwiſſenſchaftl. Unterrichts zu Deutſch, Mathe⸗ matik, Geſchichte und Zeichnen. Zeitſchrift für Gymnaſialweſen, 37. 92.

²) Brunn S. 16 und 17.

³) Es geſchieht das hier ebenfalls in das Aufſatzheft. Vgl. Schiller:Sind in Gymnaſien zum Zwecke redneriſcher Ausbildung beſondere Übungen notwendig? Zeitſchr. für Gymnaſialw. 44. Jahrg. 1890. S. 15.

4) Vergl. Hornemann S. 77, 78.