Aufsatz 
Der Zeichenunterricht am humanistischen Gymnasium und sein Verhältnis zu den übrigen Unterrichtsfächern / Adelbert Matthaei
Entstehung
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UII OI. 1 ½ Stunden wöchentlich facultativ. Dieſer Unterricht weicht naturgemäß infolge der beſchränkten Zeit und des facultativen Charakters am meiſten von dem oben aufgeſtellten Lehrplane ab. Der Zeitraum von 4 Jahren wurde folgendermaßen eingeteilt:

1. Jahr: Geſchichte der antiken Baukunſt. Die Baukunſt der orientaliſchen Völker, der Aegypter ꝛc. wurde nur inſoweit berührt, als es zum Verſtändnis der weiteren Entwicklung notwendig erſchien. Am ausführlichſten wurde die Zeit des Perikles behandelt. Der Unterricht wird ſo gehandhabt, daß etwa immer drei Schüler ¹) eine Abbildung vor ſich haben. Beſonders empfehlenswert ſind die Langl'ſchen Bilder ²) und Photographieen nach den Originalen. Im Anſchluß daran werden Modelle nach folgen⸗ dem Plan gezeichnet: Ornamente, Kymatia, Heftbänder und Heftſchnüre des doriſchen und ioniſchen Stils. Das Kapitäl der doriſchen, ioniſchen und korinthiſchen Säule. Das römiſche Haus(Holz⸗ und Thonmodell). Ein Modell des Parthenon, natürlich ohne alle Reliefs, würde hierher gehören.

2. Jahr. Geſchichte des byzantiniſchen, romaniſchen und gotiſchen Bauſtyles. Die Renaiſſance; kurzer Überblick zum Verſtändnis der modernen Entwicklung. Auch hierfür ſind die Langl'ſchen Bilder die empfehlenswerteſten. Zeichnen der Gewölbemodelle: römiſches Kreuzgewölbe, Kloſtergewölbe, romaniſches Kreuzgewölbe, das gotiſche Kreuzgewölbe, das Steingewölbe, das Fächergewölbe(Sammlung von Th. Wendler). Die gotiſche Kirche; das Renaiſſancehaus.

3. Jahr: Die Geſchichte der antiken Plaſtik. Auch hier wiederum wird die Geſchichte des Perikleiſchen Zeitalters, Phidias, Myron und Poliklet, eingehender erläutert. Von den früheren Epochen genügt es, wenn die Schüler durch eingehendere Beſprechung des Apolls von Tenea und der Aegineten⸗ gruppe eine Vorſtellung von dem Steifen und Ausdrucksloſen des Stils erhalten. Ausführlicher wird die attiſche Schule(Skopas und Praxiteles), die Schule von Pergamus und Rhodus und das Zeitalter des Auguſtus behandelt.

4. Jahr: Die Plaſtik des Mittelalters und der Neuzeit. Auf die Geſchichte der Malerei muß vorläufig, da die Lehrmittel ſchlecht zu beſchaffen ſind, verzichtet werden. Gezeichnet werden einzelne Teile des menſchlichen Körpers nach Gypſen. Der anatomiſche Muskelmann(Theod. Wendler). Ganze Geſtalten wie der Diskobolos des Myron, der farneſiſche Hercules, die Modelle des römiſchen Legionars und des fränkiſchen Kriegers aus dem Mainzer Muſeum; endlich Köpfe aus der Niobidengruppe(Skopas⸗ Praxiteles), Porträtbüſten Cäſars, Auguſtus, Caligulas und anderer.

3) Die Yerknüpfung mit den anderen Anterrichtsfächern.

Der Zeichenunterricht darf nicht in ſeiner Iſoliertheit, wie bisher, verharren. Er muß vielmehr an der Konzentration der Unterrichtsfächer d. h. an der planmäßigen Verbindung aller Lehrgegenſtände teilnehmen. Dann erſt werden die Klagen über die Hintanſetzung des Zeichenunterrichts, die ſich ſtets wiederholen, aufhören. Dieſe Teilnahme iſt in einem höheren Sinne von Konzentration dahin aufzufaſſen, daß der Zeichenunterricht als hervorragendſtes Mittel, das Beobachtungsvermögen zu ſteigern und äſthe⸗ tiſchen Sinn zu wecken, ſeinen vollberechtigten Platz in dem Geſamtorganismus der Schule einnimmt. Wir reden aber auch in dem Sinne von Konzentration, daß es gilt, möglichſt alle Lehrfächer einer Stufe zum Zwecke gegenſeitiger Unterſtützung mit einander zu verknüpfen. Wie dieſe Verknüpfung zu geſchehen hat, müßte für jede Stufe nachgewieſen werden. Doch würde dafür der Raum nicht ausreichen, auch kann man das füglich dem Geſchick des einzelnen Lehrers anheimgeben, der natürlich mit dem Gehalt

¹) Wünſchenswert iſt, daß ſich jeder Schüler die Seemann'ſchen Bilderbogen anſchaffe. ²) Joſ. Langl's Bilder zur Geſchichte. Ein Cyclus der hervorragendſten Bauwerke des Altertums.