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Als Beiſpiel, wie ſich Lectüre und Zeichenunterricht verknüpfen laſſen, ſei hier folgendes aus dem
Unterricht der UIII angeführt. Ovid. Met. VIII 189— 195: nam ponit in ordine pennas
a minima coeptas, longam breviore sequenti
ut clivo crevisse putes. Sic rustica quondam
fistula disparibus paulatim surgit avenis.
tum lino medias et ceris alligat imas. wird die Hirtenflöte und ihre Herſtellung anſchaulich geſchildert. Es erregte das beſondere Intereſſe vieler Schüler, nach dieſer Darſtellung aus Rohr eine Hirtenflöte anzufertigen. Solche Flöte kann man dann, um die Schattierung der Walze zu üben, die in den Lehrplan von UIII fällt, zeichnen laſſen. Eine derartige Behandlung der Verſe giebt dem Schüler einen Einblick in das plaſtiſche Darſtellungs⸗ vermögen des Dichters und regt zugleich ſeine eigene Schaffensluſt an.
Geſchichte: Es bricht ſich die Überzeugung immer mehr Bahn, daß die Behandlung der alten Geſchichte eine Einſchränkung erfahren muß. Schiller nennt die Verwendung von 3 Stunden wöchent⸗ lich für die griechiſche Geſchichte in Secunda geradezu eine Zeitverſchwendung. Das Detail der Hege⸗ moniekämpfe, die Diadochenzeit, die Kämpfe Roms zur Unterwerfung Italiens und andere Epochen werden in der Zukunft kürzer behandelt werden. Dafür wird die Kunſtgeſchichte die Glanzperioden der griechiſchen Geſchichte zu vollſtändigerem Verſtändnis bringen. Die politiſche Geſchichte Griechenlands tritt nach der Zeit Alexanders vollſtändig zurück. Trotzdem lieſt der Schüler bei den römiſchen Schriftſtellern, wie die Griechenwelt gerade in dem letzten Jahrhundert v. Chr. ein wichtiger Factor des antiken Lebens iſt. Er hört, wie Cicero und andere iu Rhodus ſtudiert haben. Er fühlt aus Ciceros Briefen die mannigfachen Beziehungen zum Griechentum, und doch fehlt ihm jede Kenntnis dieſes Cul⸗ turlebens. Hier füllt die Beſprechung der Schulen von Rhodus und Pergamum geradezu eine Lücke aus. Auch die ſpätere Kaiſerzeit wird durch die Geſchichte der Plaſtik an Gehalt gewinnen.— Da der Sprachunterricht am Gymnaſium einen Teil des Geſchichtsunterrichts bildet, ſo darf betreffs der Be⸗ ziehung zum Zeichenunterricht auf das obengeſagte verwieſen werden.
Der Geſchichte des Mittelalters wird es zu gute kommen, wenn die Schüler mit den weſentlichſten Denkmälern des byzantiniſchen, romaniſchen und gothiſchen Stils bekannt ſind, und zum Verſtändnis des Reformationszeitalters wurde ſchon bisher ſtets auf die Epoche der Renaiſſance hingewieſen. Auch für die deutſche Geſchichte mag der Wink gelten, den wir oben der Lehrmittelinduſtrie gaben. Schon das Verſtändnis und Intereſſe des Untertertianers für die Geſchichte des fränkiſchen Reiches wird dadurch gehoben, daß er die Rüſtung des fränkiſchen Kriegers zeichnet. Ebenſo ließe ſich aus den ſ(deutſchen Altertümern Manches in die Stufenfolge der Modelle einreihen.
Die Brauchbarkeit der gemachten Vorſchläge hängt zu einem Teile davon ab, daß Modelle herge⸗ ſtellt werden, wie ſie der Lehrplan verlangt. Aber viel iſt ſchon erreicht, wenn man vorhandene Arbeiten nach Art der Mainzer Publicationen für den Zeichenunterricht benutzt. Und den Zeichenlehrern an Gymnaſien mag hiermit ein Wink gegeben ſein, in welchem Sinne die Neuanſchaffung von Modellen
zu geſchehen hat.


