Aufsatz 
Der Zeichenunterricht am humanistischen Gymnasium und sein Verhältnis zu den übrigen Unterrichtsfächern / Adelbert Matthaei
Entstehung
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Neben der Steigerung des Beobachtungsvermögens und der Anregung des äſthetiſchen Gefühls muß nun im Lehrplan die Steigerung der manuellen Fertigkeit berückſichtigt werden. Die Steifheit der Hand, die ſich erſt an eine gewiſſe Gelenklage gewöhnen ſoll, iſt nun möglichſt frühzeitig zu bekämpfen. Wenn wir auch nicht an der Forderung Peſtalozzis feſthalten, daß das Zeichnen dem Schreiben voraus⸗ gehen müſſe, ſo iſt doch ſicher ſchon in der Vorſchule mit dem Zeichnen zu beginnen.

Aus dem Geſagten ergäbe ſich für das humaniſtiſche Gymnaſium folgender Lehrplan:

Vorſchule: 1 Stunde: Senkrechte. Wagerechte. Rechte Winkel. Verhältnis der Senk⸗ rechten zur Wagerechten. Teilung einer geraden Linie. Teilung von Winkeln. Arten der Winkel. Alle Übungen vom Quadrat ausgehend Verſchiedenartige Rechtecke.

Sexta: 2 Stunden: Gleichſeitiges Dreieck regelmäßiges Sechseck regelm. Achteck über⸗ gang zum Kreiſe regelm. Fünfeck.

Quinta: 2 Stunden: Anwendung des regelmäßigen Fünfecks(in ornamentalen und naturgeſchichtl. Modellen). Übungen am ungleichſeitigen Dreieck. Die krumme Linie. Ellipſe Eilinie Schnecken⸗ linie Spirale.

Quarta: 2 Stunden: Anfänge der Linearperſpective. Die verkürzte Fläche. Der Würfel in ſeinen verſchiedenen Stellungen. Prismen. Pyramiden. Verwendung der verkürzten Flächen ꝛc. an einfachen Hausmodellen. 1

Unter⸗Tertia: 2 Stunden: Lehre von Licht und Schatten. Die ſchattierte Fläche. Kugel. Walze. Kegel..

Ober⸗Tertia: 2 Stunden: Weitere Einführung in die Perſpective. Accidentalpunkte. Die verkürzte krummlinige Figur. Übung im Schattieren von Flachornamenten.

Unter⸗Secunda: 1 Stunde: Die griechiſche und römiſche Baukunſt. Zeichnen der doriſchen, ioniſchen und corinthiſchen Säule.

Ober⸗Secunda: 1 Stunde: Baukunſt des Mittelalters und der Neuzeit mit beſonderer Berück⸗ ſichtigung des byzantiniſchen, romaniſchen und gothiſchen Stils. Zeichnen entſprechender Modelle(Orna⸗ mente Kirchenmodelle Renaiſſancehaus).

Unter⸗Prima: 1 Stunde: Geſchichte der griechiſchen und römiſchen Plaſtik. Zeichnen von Körperteilen.

Ober⸗Prima: 1 Stunde ¹): Die Plaſtik des Mittelalters und der Neuzeit. Kurzer Üüberblick über die Geſchichte der Malerei. Zeichnen von Geſtalten und Köpfen.

3) Die Lehrart.

Wenn wir nun die für das Gymnaſium paſſendſte Lehrart erörtern, ſo erledigen wir damit ſchon einen Abſchnitt, der ebenſo richtig ſeinen Platz im 2. Teile der Arbeit hätte. Denn die Lehrart wird durch die zur Zeit beſtehenden geſetzlichen Beſtimmungen über den Zeichenunterricht nicht beſchränkt.

An der Spitze möchten wir mit aller Schärfe betonen, daß alle Unterweiſung nur vom Körper auszugehen hat. Es muß ſich in dem Kinde ſchon von früh auf das Bewußtſein feſtſetzen, daß die Linien, die es zeichnet, nur Grenzen von Körpern ſind. Nur dann iſt der große Fehler zu vermeiden, mit dem jeder Zeichenlehrer ſo hart zu kämpfen hat, daß der Schüler ſpäter da dicke, ſchwarze Linien zeichnet, wo die Natur ihm nur das Aufhören eines Körpers, den Unterſchied zwiſchen Licht und Schatten zeigt. Peſtalozzi ſagt:Die Natur giebt dem Kinde keine Linien, ſie giebt ihm nur Sachen, und die

¹) Die beiden Secunden und die beiden Primen ließen ſich auch zuſammen nehmen.